Al Bundy saß auf der Couch, in der Linken die Fernbedienung, die Rechte im Hosenbund und starrte missmutig und frustriert auf den Fernseher. Peggy watschelte auf und ab, warf Al die ein, oder andere Gemeinheit an den Kopf, die Al gar nicht wahrnahm. Sein Gesicht war von den unzähligen Misserfolgen gezeichnet, seine Figur war aus den Fugen geraten, sein Leben eine Ruine.

Erschrocken stellte ich fest, dass es gewisse Ähnlichkeiten, zwischen Al und mir gab. Nur mein Bauch war etwas größer und ich hatte noch eine Schüssel mit meinen Lieblingschips - Paprika/Peperoni - auf dem Schoß. „Was war ich mal durchtrainiert“, dachte ich und verlor mich in Gedanken an Zeiten, welche schon Jahre - Jahrzehnte? - zurückliegen, als ich noch jung und knackig war. Ich konnte einst 5000m in 20min laufen, „nicht überragend, aber auch nicht schlecht“ dachte ich. Als ich meine Frau Lisa kennenlernte, war ich fünfundzwanzig schlank und gut trainiert. Zwanzig Jahre später musste ich feststellen, dass ich, mit meinen Einsdreiundachzig Größe und vierundneunzig Kilo, gut, gut 98 Kilo nicht mehr ganz dem Gardemaß einer Elitetruppe entsprach. „Bin ich fett?“, fragte ich meinen imaginären Beobachter, "ja Du bist fett geworden", antwortete die imaginäre Stimme.

Ich stellte die Schüssel beiseite, war sowieso leer. „Lisa ist im Turnverein, die Kinder sind bei Oma, da kann ich mal meine Figur überprüfen“ dachte ich. Ich ging in den ersten Stock zum großen Spiegel im Schlafzimmer und legte meine Kleidung ab. Nackt stand ich da und betrachtete mein Spiegelbild. „Muss sich verzogen haben das Teil, wie die Dinger im Spiegelkabinett“, dachte ich, denn was ich da sah, entsprach ganz und gar nicht Hans Hurtig dem Stählernen. Sah eher aus wie Hans Hurtig der Schwabbelige. Ich machte einige Verrenkungen, versuchte es mit Bauch einziehen - das dicke Ding konnte man nur nicht mehr einziehen. Es blieb die Erkenntnis, dass die Zeiten wohl vorbei waren, in welchen man mit der Figur noch Eindruck machen konnte.

Noch in frustrierenden Gedanken versunken, hörte ich plötzlich Lisas Stimme, „Was macht Du denn da“, ich fuhr erschrocken herum. Lisa sah mich an und grinste wissend. Ich wollte nur meine neue Hose anprobieren. „Ohne Unterhose“ sagte Lisa und warf einen Blick auf mein bestes Stück. „Ja, ich“, stammelte ich und wurde rot, "wollte dann gleich duschen." Augenblicklich verschwand ich im Bad, um der Situation zu entgehen. Ich duschte, wollte ich gar nicht, aber was macht man nicht alles, um aus einer unangenehmen Lage zu entfliehen. Lisa kam ins Badezimmer und zog sich um. Als sie hinausging, sagte sie beiläufig, „du bist ganz schön dick geworden, ist mir noch gar nicht so aufgefallen.“ Der Dolchstoß saß. Mein Ego war auf dem Nullpunkt. Geprügelt schlich ich aus der Dusche, trocknete mich ab und vermied jeden Blick in den Spiegel. „Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen“, dachte ich.

Plötzlich spürte ich ein Gefühl in mir aufsteigen, das mir in den letzten Jahren völlig abhandengekommen war, Enthusiasmus. Ich musste etwas ändern, ich wollte nicht so weitermachen. Ich wollte meine Figur zurück - mein Leben. Was sollte ich tun? Laufen, „du warst doch ein guter Läufer und Laufen ist das Beste, um abzunehmen“, dachte ich und rannte, das Handtuch um die Hüften, in den Keller. Irgendwo in der Ecke, hinter dem Regal Lagen noch meine Laufschuhe von damals, ich fand sie. Sie sahen aus als hätte ich sie hier vor hundert Jahren deponiert, eingestaubt, voll Spinnweben und ziemlich verformt. „macht nichts, ein bisschen Wasser, eine Bürste und die sind wie neu“, dachte ich. Augenblicklich wurden die alten Treter gereinigt. „Schon besser, sehen aus wie - immer noch alt, aber sauber.

Ich rannte die Treppe wieder hinauf und zog mir meinen Trainingsanzug - dicke Baumwolle – an, Socken, meine „Laufschuhe“ und rannte die Treppe wieder hinunter. „Lisa ich geh’ Laufen“, rief ich und wollte sofort aus der Eingangstür verschwinden. Lisa glotzte, als hätte ich gerade erklärt, ich besteige den „Mount Everest“. „Du gehst was?“, fragte Lisa. „Ich gehe Joggen“, sagte ich nochmals. „Hast du nicht gerade geduscht“, sagte sie. „Ja schon, war ein spontaner Entschluss“, erwiderte ich und verschwand aus der Eingangstür, um weiteren Diskussionen aus dem Weg zu gehen.

Erst ging ich ein Stück, um den Blicken der Nachbarn keinen Nährstoff für Tratsch zu liefern, bog um die Ecke und rannte los. Nach ca. 100 Metern musste ich völlig erschöpft stehen bleiben. „War wohl zu schnell für den Anfang“, dachte ich und setzte mich nach einer Pause wieder in Bewegung, jetzt viel langsamer. Ein asthmatischer Cockerspaniel hätte mir auf 200 Metern 150 Meter abgenommen. Nach 10 Minuten war ich total am Ende, Schweiß lief mir über den gesamten Körper, mein Kopf glich einer vollreifen Tomate, der Trainingsanzug war durchweicht und meine Fußsohlen brannten wie Feuer. Zurücklaufen konnte ich nicht mehr. Ich kroch förmlich nach Hause.

Lisa empfing mich mit einem hämischen Grinsen. „Bist du schon wieder da, und wie war’s“, fragte sie scheinheilig. „Gut“, sagte ich und versuchte meinen keuchenden Atem zu verbergen. „Ich geh dann mal duschen“, sagte ich - schon wieder. Langsam erholte ich mich, aus meinem Keuchen wurde wieder atmen. „Das war wohl etwas zu viel, aber es waren doch nur 10 Minuten“, dachte ich.

Ich brauchte Hilfe, nur woher? Am nächsten Tag taten mir alle Knochen weh. Gut, dass ich gerade Urlaub hatte, arbeiten hätte ich nicht gekonnt. Ich fuhr in die Stadt, ging in den Buchladen und suchte nach einem Buch für Laufanfänger. Ich fand ein Buch von Herbert Steffny, „Perfektes Lauftraining“. Auf dem Klappentext stand, „Das komplette Buch zum Lauftraining, vom Anfänger bis zum Profi“. „Genau das Richtige für mich“, dachte ich, drückte die 49,- Euro ab und fuhr wieder zurück. Ich holte mir eine Tasse Kaffee und legte mich mit meiner neuen Lektüre auf die Couch, aber dazu mehr in der nächsten Episode.

Ich saß auf der Couch und blätterte in meinem neuen Laufbuch und fühlte mich schon wie ein richtiger Läufer. Ich dachte kurz an meinen gestrigen Ausflug in den alten Joggingtretern und das Läufergefühl ließ augenblicklich nach.

Nach einer Einleitung mit diversen Danksagungen an alle, die an dem Buch gearbeitet hatten, einem geschichtlichen Streiflicht vom Anbeginn des Marathonlaufes bis heute, begann das erste Kapitel, „Der Laufschuh“. Des Läufers wichtigster Ausrüstungsgegenstand ist der Laufschuh, stand als einleitender Satz über der ersten Seite, des Kapitels. Ich las aufmerksam was über den Laufschuh geschrieben stand. Da standen Wörter wie: Leisten, EVA, Pronationsstütze, Überpronierer, Supinierer, Normalfüßler, Hohlfuß, Senkfuß, Vorfußläufer, Mittelfußläufer, Fersenläufer und Laufbandanalyse. Nach der ersten Seite war ich derart verwirrt, dass ich glaubte, der Laufschuh ist eine neuartige Erfindung der NASA, welche um jeden Preis geheim gehalten werden musste. Aufwendige Technik, die in ein bisschen Gummi und Stoff versteckt wurde und durch einen skurrilen Wortcode geschützt war. Es folgten die orthopädischen Aspekte des Laufschuhs und ein Abriss der heute verwendeten Materialien.

Gott sei Dank kam am Ende des Kapitels der erlösende Satz. „Gehen Sie zum Sportfachhändler Ihres Vertrauens und lassen Sie sich beraten.“ Es gab noch eine Checkliste, die man zum Laufschuhkauf mitnehmen sollte. Auf dieser Liste war alles festgehalten, was man von einer seriösen Laufschuhberatung erwarten durfte. Man sollte eigene Socken mitnehmen - nicht gewaschen, „der Verkäufer wird seine Freude haben“, dachte ich. Die letzte Empfehlung lautetet, „kaufen Sie Ihre Laufschuhe am besten am späten Nachmittag, weil die Füße dann eher geschwollen sind. „Ich bin doch keine 80 Jahre alt und habe Wasser in den Beinen“, dachte ich. Aber wenn mein Guru sagt, am späten Nachmittag, dann mache ich das. Ich schrieb die Liste ab und dachte, „es lag wohl nur an den alten Joggingtretern aus dem letzten Jahrhundert, warum der erste Lauf ein Desaster war.“ Ich war erleichtert.

Mein Entschluss stand fest, ich brauche richtige Laufschuhe. Mit Kreditkarte, Checkliste und Laufsocken bewaffnet fuhr ich in die Stadt, parkte wie immer im Parkhaus unter dem Hauptplatz und stürzte mich ins Getümmel der Fußgängerzone. „Sportfachhändler meines Vertrauens, hab ich keinen“, dachte ich. Also musste ich auf gut Glück einen Laden mit Sportschuhen und hoffentlich checklistengerechter Beratung finden.

Ich ging in den ersten Laden, der Sportschuhe im Schaufenster hatte. Ein Verkäufer kam auf mich zu, der es in puncto Figur locker mit mir aufnehmen konnte. Er war zwar einen Kopf kleiner als ich, aber bestimmt nicht leichter. „Kann ich ihnen helfen“, fragte er. Ich sagte, „ich brauche Laufschuhe.“ Er nickte kurz, sah an mir hinunter, verharrte kurz bei meinen Füßen und verschwand ohne ein Wort in einem Raum hinter der Kasse.

Da stand ich nun mit meiner Checkliste in der Hand - die Socken hatte ich noch in der Tasche, sonst hätten die anderen Kunden wohl fluchtartig den Laden verlassen. Der dickliche Verkäufer kam mit einem Armvoll Schuhkartons zurück und bat mich auf dem Schemel an der Wand Platz zu nehmen. Er holte das erste Paar aus dem Karton und sagte, „das ist zehneinhalb, die müssten passen." „Ich habe aber Größe 44 erwiderte ich.“ Er lächelte süffisant, „das ist die UK Größe und entspricht ca. der europäischen Größe 44.“ „Ah ja“, erwiderte ich. Ich stieg in den Laufschuh und hatte schlagartig das
Gefühl ich stecke in einem Schraubstock. „Der ist wohl etwas zu klein“, sagte der kleine Dicke und holte den nächsten Schuh aus einer Schachtel. „Das ist UK 11, probieren Sie den mal“, sagte er. „Moment", sagte ich und holte die Socken aus meiner Tasche. Ich zog sie über und stieg in den nächsten Schuh. Der Verkäufer neigte angewidert den Kopf zur Seite. Ich muss gestehen, die Socken rochen wirklich streng, aber man sollte ja ungewaschene Socken verwenden, der Sinn ist mir bis heute nicht ganz klar, oder habe ich vielleicht etwas falsch verstanden? Dieser Schuh fühlte sich schon viel besser an. Der Verkäufer drückte seinen Daumen vor meinen Zehen in den Schuh und rang sichtlich nach Luft. Etwas gepresst sagte er „der würde passen.“ „Gehen Sie mal ein Stück“, forderte er mich auf. Ich ging im Laden auf und ab und dachte an meine Checkliste. Nichts, von dem, was auf der Liste Stand hatte mich der Verkäufer gefragt. „Und, wie fühlen sich die Schuhe an“, wollte der Dicke wissen. „Ja, ganz gut“, sagte ich und lief nochmals hin und her. Das machte ich mit diversen anderen Laufschuhen auch noch. „Möchten Sie noch ein anderes Paar probieren“, fragte er. „Nein“, sagte ich knapp. Ich fühlte mich jetzt etwas unwohl, da ich befürchtete, dass er gleich zum Abschluss des Kaufes drängen würde. Und tatsächlich war sein direkt anschließender Satz, „welches Paar möchten sie denn haben.“ Ich zögerte kurz und sagte dann mit fester Stimme, „ich muss mir das noch mal durch den Kopf gehen lassen.“ Ich zog schnell meine Straßenschuhe an und verließ nach kurzem Gruß fluchtartig den Laden. Der kleine Dicke warf mir noch einen verächtlichen Blick zu und verschwand aus meinem Blickfeld.

Eine Stunde hatte mich das gekostet und ich dachte mit Schrecken an die nächsten Versuche. Reichlich desillusioniert latschte ich weiter. „So ein Idiot“, dachte ich, „nicht mal den Preis eines Paares hat er genannt, geschweige denn eine meiner Checklisten Fragen erwähnt.“ Ich setzte mich in ein Café und bestellte mir einen Cappuccino. Während ich noch über den kleinen Dicken nachdachte und meinen Cappuccino schlürfte, sah ich auf der anderen Straßenseite einen kleinen unscheinbaren Laden, mit der Aufschrift „Laufschuh-Beratung und Laufbandanalyse“ auf der Tür. Darunter waren diverse Laufschuhmarken aufgeführt, ein Bild von Dieter Baumann, bei seinem Olympia-Sieg über 5000m in Barcelona 1992, mit aufgerissenem Mund und in den Himmel gestreckten Armen, hing im Schaufenster.

Augenblicklich fasste ich neuen Mut. Ich zahlte und ging über die Straße. Ich betrat den Laden und wurde von einer netten Dame mit den Worten „wie kann ich ihnen helfen“ begrüßt. „Ich brauche Laufschuhe“, sagte ich. „Nehmen sie einen Moment Platz, ich schicke ihnen den ersten freien Verkäufer“, sagte sie. Ich setzte mich auf eine Bank im Eingangsbereich und begann in einer Ausgabe der „Runners World“ zu blättern, welche auf dem Tisch daneben lag. Nach ca. fünf Minuten begrüßte mich ein großer, blonder, drahtiger Typ mit einem freundlichen „Hallo, ich bin Tobias“ und streckte mir seine Hand entgegen. Ich schreckte auf und gab ihm die Hand, „Hans“, sagte ich und lächelte zurück. „Du brauchst Laufschuhe“, fragte er. „Ja“, sagte ich knapp und erwartete das nächste Desaster. „Komm bitte mit“, sagte er freundlich und ich folgte ihm durch den kleinen Laden. In einen anschließenden Raum, der fast ausschließlich aus Regalen bestand, auf welchen duzende von Laufschuhen standen. In der Mitte stand ein großes Laufband, über dem ein Flachbildschirm hing. Er zeigte auf einen runden Tisch mit Stühlen und sagte „nimm bitte Platz“. Aus einem Regal holte er ein Klemmbrett mit einer Checkliste hervor. Ich begann innerlich zu jubeln, „eine Checkliste, hier bin ich besser aufgehoben“, dachte ich. Er setzte sich zu mir und fragte mich nach meinem Alter, meinem Gewicht (wie peinlich), ob ich Anfänger wäre, orthopädische Probleme hätte, auf welchem Untergrund ich bevorzugt laufen würde und noch diverse andere Punkte, bis seine Liste durchgearbeitet war. Danach musste ich barfuß und in Unterhosen auf ein Podest aus Plexiglas steigen, unter welchem ein um 45 Grad geneigter Spiegel angebracht war, der den Fußabdruck widerspiegelte. „Einen leichten Senkfuß hast Du“, sagte Tobias, den ich duzte, da er mich auch duzte, „ist wohl unter Läufern so üblich“, dachte ich. Er zog eine Art Marker aus der Tasche, trat hinter das Podest, bat mich gerade und stillzustehen und malte mir ein paar Linien auf die Waden und quer über die Achillessehne. Er begutachtete meine Beinstellung und vermaß meine Füße mit einer Lehre, in die ich hineinsteigen musste. „Ich wollte eigentlich nur Laufschuhe kaufen und keine Bewerbung als Jetpilot durchlaufen“, dachte ich. Aber Tobias machte den Eindruck als verstehe er, was er tut, also ließ ich die Prozedur über mich ergehen. Als er alle Daten gesammelt hatte, bat er mich auf die Lauffläche des Laufbandes zu steigen, erklärte mir kurz den Ablauf und startete das Laufband mit langsamer Geschwindigkeit. Er justierte kurz eine Kamera hinter mir und blickte auf den Monitor, wo jetzt meine Rückansicht zusehen war. Ich trabte so etwa drei Minuten vor mich hin, dann stellte Tobias die Geschwindigkeit schneller. Ich musste nun richtig laufen, um nicht vom Band zu fallen. Nach einer weiteren Minute stellte er noch schneller, fragte kurz, „geht’s noch“, ich nickte und versuchte mein beginnendes Keuchen zu verbergen. Nach einer weiteren Minute stoppte er das Band. Mein knallroter Kopf ist ihm sicher nicht entgangen. „Hast schon lange nichts mehr gemacht“, bemerkte der Hüne kurz. Ich nickte. Er studierte die Videoaufzeichnung in Zeitlupe, notierte einige Dinge und wand sich wieder mir zu. „Du bist ein leichter Überpronierer, mit wenig ausgeprägtem X-Fuß“. „Überpronierer“, dachte ich, das Wort habe ich im Buch gelesen. Tobias zeigte mir anhand der Aufzeichnung, was Überpronation bedeutet. Man sah deutlich, wie sich die aufgemalten Linien in der Stützphase nach innen neigten und mein Fuß abknickte. „Du brauchst einen Stabilschuh, mit Pronationsstütze und leicht gebogenem Leisten“, sagte er. Er drückte mir ein Paar Laufsocken in die Hand und holte drei verschiedene Laufschuhmodelle von der Wand. Ich war froh, nicht meine Socken anziehen zu müssen. „Nach Vermessung deiner Füße ist UK 11 die richtige Größe“, sagte er. Ich zog das erste Paar an. Tobias checkte den Zehenabstand im Schuh und ich musste wieder aufs Band. Diesmal allerdings nur eine Minute. Die Schuhe fühlten sich sehr bequem an. Tobias analysierte die Aufzeichnung, nickte und ließ mich das zweite Paar anziehen. Diese Prozedur folgte auch für das dritte Paar. Am Ende lautete seine Empfehlung, zwei Paar von verschiedenen Herstellern, die meine Bedürfnisse berücksichtigen, und welche im Training abwechselnd zu benutzen waren.

Ich zückte meine Kreditkarte, nahm auf Empfehlung von Tobi (so nenne ich ihn nun seit Langem), noch zwei Funktionsshirts, zwei Laufhosen, zwei Paar Laufsocken und eine Packung Schweißbänder mit und zahlte 350,- Euro, "Lisa wird mich erschlagen", dachte ich. Tobi schlug mir zum Abschied auf die Schulter (ich hatte das Gefühl mein Schulterblatt erlitt einen komplizierten Splitterbruch) und sagte "jetzt musst du nur noch ordentlich trainieren". Ich fuhr zurück und massierte während der Fahrt meine schmerzende Schulter. Gott sei Dank war niemand zuhause, ich breitete mein neues Equipment auf dem Sofa aus und betrachtete Stolz meinen Einkauf. Ich zog eins der neuen Shirts, eine Laufhose, Socken und ein Paar meiner neuen Laufschuhe an, steckte mir den Schlüssel in die praktische Schlüsseltasche auf der Rückseite der Hose - „an was die alles denken“, dachte ich - und ging hinaus auf die Straße. Diesmal schlich ich nicht ums Eck, sondern präsentierte mich in meinem neuen Outfit der ganzen Straße, sollten die nur sehen, dass ich ein Läufer bin. Ich joggte los. Nach zehn Minuten war der einzige Unterschied zum ersten Lauf, dass der Schweiß nicht an meiner Haut, sondern jetzt an meinen Funktionsklamotten herunterlief. Ich ging zurück, keuchte wie ein Wasserbüffel und war frustriert - schon wieder. „Was hast du erwartet Hans“, dachte ich bei mir, „von neuen Schuhen und ein paar Laufklamotten bekommt man keine Ausdauer du Esel.“ Also zurück auf die Couch und des Gurus Trainingsanweisungen für Anfänger lesen. Dazu aber mehr in der nächsten Episode

Ich schmökerte, bei einer Tasse Kaffe, in meinem Laufbuch. Nachdem ich mir die richtige Ausrüstung besorgt hatte und auch schon zwei Laufversuche hinter mir hatte, las ich jetzt das Kapitel über das Anfängertraining genauer. Nach einigen Seiten wurde mir klar, dass ich mich in die Kategorie „blutiger Anfänger“ einreihen musste und dass meine ersten Laufausflüge alles andere als richtig waren. Steffny schrieb, ein Anfänger sollte die ersten Wochen seines Läuferlebens mit abwechselndem Gehen-Laufen-Rhythmus im Intervall drei zu einer Minute verbringen. Die Laufphasen sollten aus langsamen Traben bestehen, die Gehphasen aus zügigem Gehen. Mein Ego war sowieso schon angekratzt und nun sollte ich auch noch in Warmduscher-Manier durch die Gegend schleichen. „Da bin ich ja dem Gespött der gesamten Nachbarschaft ausgesetzt“, dachte ich. Ich beschloss meine Laufeinheiten an den Trimm-dich-Pfad unseres Ortes zu verlegen, in der Hoffnung, dass mich hier niemand erkennt. Ich studierte den Einsteigerplan genau, erstellte mir eine Liste in Excel und platzierte den Ausdruck sichtbar am Badezimmerspiegel, um genau zu wissen, wie ich an welchem Tag zu trainieren hatte. Mein erster Tag bestand aus 20 Minuten Training, jeweils eine Minute laufen und drei Minuten gehen. Das Ganze dann fünfmal. Ich zog meine Laufklamotten an, steckte voller Stolz die Füße in meine neuen Laufschuhe und fühlte mich augenblicklich wieder wie ein richtiger Läufer. Ich schlich mich in die Garage, ohne gesehen zu werden und fuhr zum Trimm-dich-Pfad. Da das Wetter trüb und kühl war, parkten nur wenige Autos auf dem Parkplatz. Ich stieg aus streckte mich etwas, ging zum Start und setzte mich langsam in Bewegung. Ich sah auf meine Armbanduhr und maß die Zeit bis meine Trabminute vorbei war. „Das war ja easy”, dachte ich. Auch die zweite Minute konnte ich noch locker bewältigen. Ich ging drei Minuten und wiederholte die Trabminute. Die dritte Minute war schon etwas anstrengender, ich schaffte aber auch diese. Jetzt wurde es langsam unangenehm, die vierte Minute strengte mich schon sehr an und ich war froh, als die Gehpause kam. Der Schweiß lief mir in Strömen über den Körper. Ich biss die Zähne zusammen und absolvierte auch noch das letzte Intervall. Sichtlich erschöpft blieb ich stehen, und machte erst einmal ein paar Minuten Pause. Ich hatte allerdings einen entscheidenden Fehler gemacht. Ich hatte versäumt auf halber Strecke umzukehren und musste nun zurück zum Parkplatz. Ich ging langsam den Weg zurück, als eine Horde Fußgänger mit Stöcken auf mich zukam, die seltsam mit den langen Dingern herumfuchtelten, sich angeregt unterhielten - was an schnatternde Gänse erinnerte - und den gesamten Weg versperrten, wie ein Bulldozer. Als die Horde näher kam, erkannte ich voller Entsetzen, dass es sich um die Turngruppe meiner Frau handelte, die mich natürlich alle kannten. Die Ersten hatten mich schon erspäht, eine Flucht war also unmöglich. „Ja da schau her, der Hans in Laufklamotten und rotem Kopf“, war noch der mildeste Kommentar. Sie zogen an mir vorbei und versahen mich mit Hohn und Spott. Lisa war zwar nicht in der Gruppe, aber dass sie es in kürzester Zeit erfahren würde, war mir völlig klar. Ich lächelte nur und versuchte die bestmögliche Figur abzugeben, was angesichts meines schweißüberströmten Körpers und meiner roten Birne nicht ganz einfach war. „Der Trimm-dich-Pfad war wirklich eine super Idee Hans“, dachte ich und wäre am liebsten im Boden versunken. Nachdem die plappernde Herde von Turnfrauen vorbeigezogen war, schlich ich zurück zum Auto, immer auf der Hut, nicht noch mal kalt erwischt zu werden. Ich fuhr zurück und dachte über mein Training nach. „Es war zwar anstrengend, aber ich habe es gut überstanden“, dachte ich. Ich war erschöpft, aber nicht total kaputt, wie die ersten beiden Male. Hoffnung keimte auf. Wenn ich mich genau an den Plan hielt, kann ich laut Steffny in 12 Wochen 40 Minuten am Stück laufen, ohne eine Pause zu machen. Klingt unglaublich, aber wenn Steffny das sagt, wird’s wohl auch stimmen. Am Abend kam Lisa aus der Arbeit nach Hause - ich hatte ja noch Urlaub - und grinste mich schon in der Tür über beide Ohren an. „Hallo Schatz, hattest du heute eine Begegnung der dritten Art“, fragte sie. „Was meinst Du denn“, stellte ich mich dumm. „Ich meine die Nordicwalking Gruppe der Turnfrauen, die haben dich heute auf dem Trimm-dich-Pfad gesehen.“ „Ach so die“, sagte ich, „ja, da war ich gerade laufen.“ „Simone hat gesagt, dass du ziemlich elend ausgesehen hast.“ „Ich und elend“, erwiderte ich, „ich war nur etwas abgekämpft, nach 45 Minuten laufen“, schwindelte ich. Natürlich hatte Simone, das alte Waschweib, meine Frau gleich in der Arbeit angerufen und ihr brühwarm erzählt, dass sie mich am Trimm-dich-Pfad gesehen hatte. Lisa schien die 45 Minuten gar nicht wahrzunehmen, sie sagte nur „ich mach was zu essen, kannst du eine Trommel Wäsche reinschmeißen.“ „Ja“, sagte ich mürrisch und verzog mich ins Bad, um die Wäsche zu holen. Beinahe war ich beleidigt, dass Lisa meine Trainingsleistung von 45 Minuten, die ich ja gar nicht erbracht hatte, nicht würdigte. „Das mit dem Ego ist schon eine seltsame Sache“, dachte ich. Trotzdem war ich stolz auf mein erstes richtiges Training, auch wenn ich zunächst das Gesprächsthema Nummer eins in der Frauen-Turngruppe war. „Nordicwalking war das also, wenn man mit Stöcken wild fuchtelnd durch die Gegend latscht und andere Leute ausrichtet“, dachte ich belustigt.“ „Das sieht aus wie Langlaufen ohne Schnee, also einfach bescheuert“, dachte ich und musste Lachen. „Ich werde es euch allen zeigen, spottet nur“, ließ ich meinen Gedanken freien Lauf, „irgendwann werde ich einen Marathon laufen, dann könnt ihr einpacken mit euren Laufspießen und werdet vor Ehrfurcht erstarren.“ Ich erschrak vor meinem eigenen Gedanken, „einen Marathon“, dachte ich, „in meinem körperlichen Zustand wäre das, als würde Johannes Heesters ankündigen mit Wladimir Klitschko um die Weltmeisterschaft Boxen zu wollen." Ich verwarf die übermütige Eingebung und kehrte auf den Boden der Tatsachen zurück. Lisa rief aus der Küche „Hans komm essen.“In der Zwischenzeit waren auch die Kinder zurück. Sabine war 13 und ging aufs Gymnasium, Martin hatte gerade seinen 8. Geburtstag hinter sich. Da gerade Ferien waren, verbrachte er viel Zeit bei den Großeltern, während Sabine mit ihren Freundinnen herumhing. Sie erzählte nur noch wenig von ihren Aktivitäten. Die Pubertät hatte sie voll im Griff. Wir aßen zusammen, aber meine Gedanken waren schon bei meiner nächsten Trainingseinheit. Ich konnte es kaum erwarten die Laufschuhe erneut zu schnüren und durch den Wald zu laufen, das Fieber hatte mich gepackt. Ich verschlang die nächsten Kapitel in meinem Laufbuch. Viele neue Informationen über Ernährung, Herzfrequenzzonen, Trainingsmethoden, Ausrüstung und Verletzungen prasselten auf mich ein. Vor allen Dingen war immer wieder die Rede von der maximalen Herzfrequenz, welche wohl entscheidenden Einfluss auf das Training eines Ausdauersportlers hatte. Das Problem war, dass ich nur eine Armbanduhr besaß, noch nicht einmal mit Stoppuhr. Im Kapitel Technik stieß ich dann auf das Thema Pulsuhr. Dort stand auch eindeutig, speziell Anfänger - also ich - sollten eine Pulsuhr zur Trainingssteuerung benutzen. „Ich dachte Laufen sei ein billiger Sport. Jetzt habe ich gerade Hunderte von Euros für Laufschuhe und Laufbekleidung ausgegeben und nun brauch ich auch noch eine Pulsuhr“, sagte ich zu mir selbst. Ich las weiter im Kapitel „Trainingssteuerung mittels Herzfrequenz“ und kam dann unweigerlich zu dem Ergebnis, „Hans du brauchst eine Pulsuhr, am besten noch heute.“ Ich schaute auf die Uhr, „Mist dachte ich schon 19:50 Uhr, heute ist es schon zu spät.“ Ich setzte mich an den PC und durchforstete das Internet nach Pulsuhren. Eine Flut verschiedenen Marken und Typen von Pulsuhren wurde hier angeboten, dass es für ein Greenhorn wie mich schier unmöglich war, etwas Passendes zu finden. Da kam mir mein Lauf-Equipment-Dealer Tobi in den Sinn. „Er würde wissen, was ich brauche“, dachte ich und wäre am liebsten gleich schlafen gegangen, damit es schnell morgen ist und ich in den Laufladen fahren kann. Tja auch „Erwachsene“ benehmen sich zuweilen seltsam, aber ist es nicht die Leidenschaft und Begeisterung, die das Leben lebenswert machen? Wie es weiter geht, erfahren Ihr in der nächsten Folge.

Um Halbsieben sprang ich aus den Federn, wie ein kleiner Junge am Morgen seines Geburtstages, der sich auf allerlei Geschenke freut. So dynamisch war ich schon lange nicht mehr aufgestanden. Ich duschte, nahm ein kleines Frühstück mit Kaffee und einer Scheibe Brot mit Honig zu mir und stieg ins Auto, um in die Stadt zu fahren. Der Rest der Familie schlief samstags noch mindestens zwei Stunden. Zeit genug im Laufladen die passende Pulsuhr zu finden. Ich parkte wie immer im Parkhaus unter dem Hauptplatz und ging zielsicher in Tobis Läuferschmiede, wie ich den Laufladen von Tobias nannte. In der Zwischenzeit hatte ich herausbekommen, dass Tobi der Laufladen gehörte und dass er ein erfolgreicher Triathlet und Marathonläufer war. Ich wollte durch die Tür stürmen und mein Ansinnen vortragen und knallte mit dem Kopf gegen die Tür. „Was ist den nun los“, dachte ich, ich konnte die Tür auch nach mehrmaligem Drücken nicht öffnen. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass der Laden erst um 09:00 Uhr öffnete. Ich sah auf die Uhr und konnte es nicht fassen, es war 07:30 Uhr. An Öffnungszeiten hatte ich in meinem Eifer natürlich nicht gedacht. „So was Blödes, was sollte ich jetzt eineinhalb Stunden lang machen“, dachte ich. Zurückfahren wollte ich auch nicht. Also marschierte ich los und bummelte durch die Altstadt, in der Hoffnung einen Zeitvertreib zu finden. Jedes Mal wenn ich an einem Schaufenster vorbeikam, betrachtete ich mein Spiegelbild im Glas und war überzeugt, dass ich schon dünner aussah. Ich sog Luft in die Lunge und zog den Bauch ein. „Sah schon ordentlich aus“, dachte ich. Hinter mir kicherten zwei Mädchen im Teenageralter, die gerade auf die andere Straßenseite wechselten. Ich hörte noch Wortfetzen, wie, alter Sack und Dickerchen. Ich machte mich schnellstens vom Acker. So lief ich ohne Ziel durch die Stadt, um die Zeit totzuschlagen. Ein kleines Café am Rande der Altstadt hatte schon geöffnet. Es war ein wunderschöner Spätsommermorgen, noch kühl, aber die Sonne schickte schon die ersten warmen Strahlen in die noch unbelebte Fußgängerzone. In spätestens zwei Stunden würde es hier wimmeln von Menschen. Ich holte mir am Kiosk eine Tageszeitung, setzte mich an einen der Tische vor dem Café, bestellte eine Latte macchiato und begann in der Zeitung zu lesen. Ich genoss die Ruhe und die Wärme der ersten Sonnenstrahlen. „Sollte ich öfter machen“, dachte ich. Seit Ewigkeiten war ich nicht mehr so früh in der Stadt gewesen. Ich kannte die Fußgängerzone nur überfüllt mit Menschen, laut und hektisch. Ich las die Belanglosigkeiten der Vorkommnisse in der Region. „Die Lokalzeitung war wirklich nur zum Einwickeln von Gemüse geeignet“, dachte ich. Trotzdem las ich den ein oder anderen Artikel, um die Zeit totzuschlagen. Kurz vor 09:00 Uhr zahlte ich und ging zurück zum Laufladen. Als ich auf der Höhe des Ladens, auf der anderen Straßenseite, angekommen war, sah ich Tobi, wie er geraden die Tür aufsperrte. Ich überquerte die Straße, ließ mir noch ein paar Minuten Zeit, um nicht gleich nach dem Öffnen des Ladens hereinzuplatzen und ging dann hinein. Tobi kam gerade mit einer Tasse Kaffee aus einem Raum hinter der Kasse und begrüßte mich mit einem Lächeln. „Servus“, er zögerte, „Hans glaube ich?“ Ich nickte, „genau.“ „Wie geht’s, was macht das Laufen?“, fragte er. „Bin voll im Training“, erwiderte ich und lachte. „Was kann ich für dich tun“, fragte Tobi und stellte seinen Kaffee neben die Kasse. „Trink erst mal aus“, sagte ich und zeigte auf die Tasse. „OK“, sagte Tobi und trank seinen Kaffee. „Ich brauche eine Pulsuhr“, sagte ich und wartete auf Tobis Antwort. Er zog seine Augenbrauen nach oben und fragte, „hast du was Bestimmtes im Auge?“ Da ich Tobi als meinen geheimen Vertrauten in Sachen Laufberatung betrachtete, vor dem ich keine Rolle spielen musste, sagte ich, „ich habe keine Ahnung, was ich für eine Pulsuhr brauche und wie man das Ding einsetzt, ich habe nur gelesen, dass man sein Training damit steuern kann und soll.“ „Da hast du nicht ganz unrecht“, sagte Tobi, „die Herzfrequenz ist bei Laufeinsteigern ein wichtiges Kontrollinstrument, um im Training nicht zu überziehen.“ „Selbstverständlich benutzen auch Fortgeschrittene und Profis Pulsuhren, bei welchen allerdings die Kontrolle der Herzfrequenzzonen in den verschiedenen Trainingsarten wie GA1, GA2, Intervalltraining usw. im Vordergrund stehen.“ An meinem Gesichtsausdruck erkannte Tobi wohl, dass ich nur Bahnhof verstand, und begab sich sofort wieder auf die Ebene eines Ahnungslosen. Er sagte lachend, „lass dich von mir nicht verwirren, wir werden die Nebel schon lichten.“ „Ich zeige dir einige Modelle, die für Laufeinsteiger gut geeignet sind.“ Er zeigte mir ein paar Modelle, die einfach zu bedienen waren und auch preislich in mein Budget passten. Tobi zeigte mir die Bedienung der Pulsuhren, legte mir einige Brustgurte an, um mir die Übertragung zu demonstrieren. Ich hoffte inständig, dass ich nicht wieder aufs Laufband müsse. Nebenbei erklärte er mir mit einfachen Worten, worauf es bei der Pulsmessung ankam und worauf ich achten musste. Er empfahl mir eines der günstigeren Modelle, mit der Option, dass er es wieder in Zahlung nehmen würde, wenn ich eine Uhr mit umfangreicheren Funktionen wünschen würde. Damit war ich endgültig sicher, dass ich hier eine gute Beratung bekam. Ich entschied mich für Tobis Favoriten, eine einfache Pulsuhr eines Markenherstellers, da mir Tobi von einem Noname-Produkt abgeraten hatte. Ich bezahlte 69 Euro bedankte mich bei Tobi und war auch schon auf dem Weg nach Hause. Natürlich wollte ich die Uhr gleich ausprobieren, stieß aber zunächst mit der weiblichen Intuition meiner Frau zusammen. „Wo kommst Du denn her“, fragte Lisa und ließ sofort den Satz „hast du schon wieder Laufklamotten gekauft?“ folgen. Jetzt hatte ich die Chance zu sagen, Klamotten, nein, wieso, oder ich legte, gleich die Karten auf den Tisch und erzählte ihr von der Uhr, was mir eindeutig die klügere Entscheidung zu sein schien, da ich die Uhr ja schlecht verstecken konnte. „Weißt du Lisa“, begann ich, „um mich nicht zu überfordern und meine Gesundheit zu gefährden, habe ich mir einen Herzfrequenzmesser gekauft.“ „Herzfrequenzmesser hörte sich wesentlich besser und nötiger an als Pulsuhr“, dachte ich. Lisa zog die Augenbrauen nach unten und fragte, „brauchst du die den wirklich, du bist doch gerade drei, viermal gelaufen.“ „Sechs Mal“, sagte ich. Lisa schwieg und sah mich weiter an, als warte sie auf eine Antwort. „Klar brauche ich die, ich laufe jetzt regelmäßig“, erwiderte ich und wollte schon nach oben gehen, als die Frage kam, die ich dringend umgehen wollte. „Was hat die denn wieder gekostet?“ „War ein Schnäppchen, nur 69 Euro“, sagte ich und sprach 69 so undeutlich aus, dass es wirklich keiner verstanden hätte. „Wie viel?“, wurde Lisa lauter. „69 Euro“, sagte ich diesmal deutlich. Zu meinem Erstaunen sagte Lisa, „OK, das geht ja noch.“ „Jetzt ist aber erst mal Schluss mit Neuanschaffungen fürs Laufen, ja.“ „Klar“, sagte ich und verschwand im Bad. Ich kam mir vor wie ein Schuljunge, der gerade einen Rüffel erhalten hatte. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass es besser ist, sich am Samstagmorgen nicht mit seiner Frau anzulegen, was Geldangelegenheiten betraf. Voller Vorfreude zog ich meine Laufklamotten an, befeuchtete den Brustgurt meiner neuen Errungenschaft, wie es mir Tobi gezeigt hatte. Schnallte in mir um die Brust und hatte das Gefühl ich stecke in einem Schraubstock. War wohl etwas zu eng. Ich stellte ihn weiter und schon passte er optimal. Ich legte die Uhr an und drückte den roten Startknopf, der die Herzfrequenzaufzeichnung startete. Es dauerte einen Augenblick und die Uhr zeigte 88 Pulsschläge an. „Ganz schön hoch für nur herumstehen“, dachte ich. „Na ja, ist wohl die Aufregung“. Ich marschierte nach unten zog meine Laufschuhe an und setzte mich auf die Treppenstufen vor dem Haus und versuchte nach Anleitung von Tobi meine Herzfrequenzzonen für das Training einzustellen, musste aber feststellen, dass ich die Hälfte schon wieder vergessen hatte, und nun doch das Handbuch zur Hilfe nehmen musste. Tobi hatte mir geraten, mich zunächst an die Formel 220 minus Lebensalter zu halten, was die maximale Herzfrequenz sein sollte. Später wollte ich dann mal meinen tatsächlichen Maximalpuls ermitteln, aber erst wenn ich etwas besser trainiert wäre. Ich rechnete also meinen Maximalpuls aus, der 175 Schläge/Min. ergab. Tobi meinte ich soll mit höchstens 75% dieses Pulses trainieren, was bei ca. 131 Schlägen/Min. lag. Ich stellte also nach Anleitung, was erstaunlich einfach war, eine Obergrenze von 131 Schlägen/Min. und eine Untergrenze von 105 Schlägen/Min. ein, was 75 und 60% der maximalen Herzfrequenz entsprach. Alles klar, ich drückte nochmals den roten Knopf, wartete, bis die HF angezeigt wurde, drückte den Startknopf und lief los. Ich lief um die Ecke und hörte einen regelmäßigen Piepston, der mir signalisierte, dass ich über der eingestellten oberen Grenze der HF lag. Ich schaute auf die Uhr, sie zeigte 139 Schlägen/Min. an. „Das kann doch nicht sein, dachte ich und lief noch langsamer, was weniger als schnelles Gehen war. Immer noch piepste das dämliche Ding. Die HF sank auf 135 Schlägen/Min. Noch langsamer laufen ging kaum noch, ich versuchte es aber dennoch und bewegte mich jetzt im Schneckentempo. Die Anzeige fiel auf 130 Schlägen/Min. „Von Training kann aber kaum die Rede sein“, dachte ich. Ich lief ein bisschen schneller und die Nervensäge an meinem Handgelenk fing sofort wieder an zu piepsen. Schon reichlich genervt lief ich wieder langsamer und starrte dabei auf die Pulsuhr. Die Anzeige sank wieder. Das Spielchen wiederholte sich ca. 10-mal. Sobald ich etwas beschleunigte, fing es sofort an zu piepsen. Ich deaktivierte schließlich den Ton, starrte aber dauernd auf die Anzeige und übersah glatt eine Parkbank am Wegesrand. Ich schlug mit den Schienbeinen an die Sitzfläche und mit einem eleganten Handstandüberschlag wurde ich über die Bank katapultiert, schlug auf der anderen Seite auf und blieb liegen. Als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, saßen auch noch zwei ältere Damen auf der Bank, die, das Entsetzen noch im Gesicht, begannen mich zu beschimpfen. Sie merkten allerdings, dass ich mich nicht rührte und der Ärger wich augenblicklich dem Mutterinstinkt. Eine der Damen beugte sich über mich und fragte, „haben sie sich wehgetan“ und spuckte mir dabei Teile eines Apfels ins Gesicht, den sie wohl gerade gegessen hatte. Ich fürchtete, dass gleich das Gebiss folgen würde, und rappelte mich schnell auf und checkte erst mal meine Knochen. Es schien alles in Ordnung zu sein. Die zweite Dame reichte mir die Hand und wollte mir hochhelfen, sie sah aber so gebrechlich aus, dass ich Angst hatte, ich reiße ihr den Arm aus, wenn ich zugreifen würde. „Danke“, sagte ich und stand auf. Etwas benommen murmelte ich etwas wie „hab’ die Bank übersehen“ und machte mich schnell davon. „Mein Gott wie peinlich“, dachte ich. Da willst du deine Gesundheit fördern und überschlägst dich wie ein Kunstturner. „Gott sei Dank habe ich mich nicht verletzt, das wäre der Gipfel gewesen“, dachte ich. Die Pulsuhr hatte keinen Schaden genommen und zeigte 110 Schlägen/Min. Ich brach mein Training für heute ab und lief langsam zurück, 140 Schläge/Min. Ich spürte einen Schmerz im Schienbein. Dort, wo ich mit der Bank kollidiert war, wölbte sich eine Beule, die schon leichte Blaufärbung annahm. Ich hatte die Beule bis jetzt gar nicht bemerkt. Es schien aber nicht weiter schlimm zu sein. Zuhause angekommen legte ich mich erst einmal in die Badewanne und kam zur Ruhe. Lisa war in der Zwischenzeit mit den Kindern in die Stadt gefahren, ich hatte also eine Weile sturmfreie Bude, was ich anschließend für ein intensives Studium des Handbuches meiner Pulsuhr nutzen wollte. Die Erkenntnis des Tages war: glotz' beim Laufen nicht permanent auf die Pulsuhr, halte dich von alten Damen fern und bei meinem Trainingspuls kann ich höchstens schleichen wie meine Großmutter. „Toll, Hans“, dachte ich, „wenn es noch weitere Tiefschläge gibt, dann ist mein Läuferleben schneller vorbei, als es angefangen hat.“ Liebe Leserin, lieber Leser, dass Hans nicht aufgibt, können Sie sich ja denken. In der nächsten Episode sieht alles schon wieder bess…, anders aus. Bis zum nächsten Mal....

Die dunkle Jahreszeit hatte begonnen und ich lief immer noch. Hätte ich mir selbst nicht zugetraut. Mittlerweile konnte ich 30 Minuten am Stück laufen, mit einem Puls von 130-135 Schlägen pro Minute. Lisa spottete zwar noch ab und zu, doch das ließ mich kalt. Ich hatte auch schon 3 Kilo abgenommen, was mich noch mehr motivierte. Draußen herrschten inzwischen Temperaturen, dass man nicht mehr ohne Winterlaufbekleidung laufen konnte. Also führte mich mein Weg wieder zu meinem Lauf-Equipment-Dealer Tobi, um für die kalten Tage gerüstet zu sein. Mit „Hallo Tobi“, begrüßte ich den blonden Modellathleten. Er lachte und rief mir zu „gut schaust aus Hans.“ „Klar“, sagte ich, „bald lauf ich Dir davon“. Tobi grinste wissend und kam zu mir herüber. „Was brauchst denn Hans?“, fragte Tobi. „Ich brauche ein paar Laufklamotten für den Winter, kannst Du mir da was empfehlen?“ „Aber klar“, sagte Tobi, „geh’ schon mal zur Umkleidekabine, ich bring Dir gleich was vorbei.“ Ich marschierte in Richtung Umkleide, suchte mir eine Kabine aus und begann mich auszuziehen. In Unterhosen Stand ich hinter dem Vorhang und streckte meinen Kopf hinaus, damit Tobi mich sehen konnte. Tobi kam zurück und warf mir einige Kleidungsstücke über die Tür. „Ich hab Dir einige Winter-Tights, zwei Unterhemden, ein paar Laufpullover und zwei Jacken in verschiedenen Größen rausgesucht.“ „Probier die Sachen mal an, damit wir Deine Größe finden.“ „OK“, sagte ich und verschwand hinter dem Vorhang. Ich nahm eine Tight vom Stapel und versuchte die schwarze Pelle anzuziehen. Ich musste mächtig ziehen, um die Hose über meine Schenkel zu bekommen. „Das ist XL“, dachte ich, die muss passen. Ich schaffte es schließlich und trat aus der Kabine um mich im Spiegel zu betrachten. Eine Kundin, die gerade an einem Wühltisch herumsuchte, sah zu mir auf und bekam einen Lachanfall. Sichtlich errötend, die Hand vor dem Mund, stürzte Sie aus dem Laden. Ich schüttelte den Kopf und blickte in den Spiegel. Jetzt wurde mir klar, was der Auslöser des Lachanfalls war. Die Tight schnürte sich um meine Hüfte, wie die Klammer zwischen zwei Knackwürsten. Mein Bauch hing über den Bund, die Beine waren in die engen Hosenbeine eingequetscht. Ich sah aus wie eine Mischung aus Hängebauchschwein und Storch. Augenblicklich verschwand ich in der Kabine, den Kopf rot vor Scham. „Die war ja wohl zu klein“, dachte ich. „Gott sei Dank, dass mich keine weiteren Kunden gesehen hatten“, dachte ich. Schnell zog ich die Hose aus und probierte XXL. Die schien zu passen. Die Tights waren innen angeraut und etwas dicker im Stoff als die Sommertight. Ich zog noch ein Funktionsunterhemd, einen Fleecepullover und eine gefütterte Laufjacke an. Tobi sagte von draußen, „und wie schaut’s aus, passen die Sachen.“ „Ja, ich hab was gefunden“, sagte ich ohne die Peinlichkeit von vorher zu erwähnen. „Zeig mal“, erwiderte Tobi. Ich trat aus der Kabine und begann schon zu schwitzen. „Ja“, sagte Tobi, schaut gut aus. „Hier ist noch eine Mütze und Handschuhe“, sagte Tobi und reichte mir die Sachen. Ich zog auch noch die Handschuhe und die Mütze an. Der Schweiß lief mir derweilen an meinem Rücken herunter. „OK, ich glaub ich nehme die Sachen“, sagte ich um mich schnell wieder ausziehen zu können. „Warte mal“, sagte Tobi, dreh dich mal um. Er schloss den Reißverschluss an meinen Fesseln. „Gut das geht auch“, murmelte er. Dann zupfte er noch an der Jacke herum und korrigierte den Sitz der Mütze. Ich schwitzte wie ein Schwein. „Ich muss jetzt raus aus den Sachen, bevor sich unter mir eine Pfütze bildet“, dachte ich. Tobi war fertig und ich konnte endlich die Klamotten wieder ausziehen. Das Funktionsunterhemd war völlig durchnässt. Ich wedelte damit in der Kabine herum, um es wieder trocken zu bekommen. Ich dachte schon an die peinliche Situation, wenn ich das Unterhemd auf den Tresen legen musste, um zu bezahlen. Das Hemd trocknete natürlich nicht so schnell, war ja klar. Mein Gesicht war rot und der Schweiß hatte meine Haare an die Stirn geklebt. Ich raffte die Auswahl an Kleidungsstücken zusammen und ging zur Kasse. Tobi fragte, „brauchst du sonst noch was?“ Ich schüttelte den Kopf, „nein das war’s“. Tobi schüttelte mir die feuchte Hand und verabschiedete sich mit einem Lächeln. Beim Weggehen sah ich Tobi die Hand an der Hose abwischen, mein Gott wo ist das Loch, in das ich jetzt gerne gesprungen wäre. Die Dame an der Kasse nahm mir die Kleidungsstücke ab und begann sie zu sortieren. Ich vermied jeden Blick in ihre Richtung. Als sie bei dem Unterhemd angekommen war, zuckte sie zurück. An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich sehen, dass sie sich ekelte. Ich wollte nur noch raus hier. Als alles in der Tüte war, sagte sie „das macht dann 389,- €.“ Mich traf fast der Schlag. Leicht zögernd gab ich ihr meine EC-Karte. „Wie soll ich das Lisa erklären“, überlegte ich. Hatte ich gerade Designer-Klamotten gekauft? Ich schluckte und fuhr sichtlich erledigt nach Hause. Wie war das doch gleich, Laufen ist ein billiger Sport?!? „Das nächste Mal kauf ich meine Laufklamotten bei Tchibo“, dachte ich. Im Briefkasten fand ich die neue „Runner’s World“, die ich seit zwei Monaten abonniert hatte. „Wenigstens ein Lichtblick“, dachte ich. Lisa empfing mich an der Haustür und zeigte auf meine Tüte. „Na, wieder bei Tobi gewesen?“, fragte sie mit einem Unterton in der Stimme, der mir ihren Unwillen signalisierte. „Ja, ich hab’ mir ein paar Winterlaufsachen gekauft“, sagte ich und wusste natürlich, wie die nächste Frage lauten würde. Doch zu meiner Verwunderung blieb die Frage aus. „Ah ja“, sagte Lisa und ging in die Küche. Erleichtert zog ich die Schuhe aus und trottete Richtung Wohnzimmer. „Was hat das den wieder gekostet?“, rief mir Lisa aus der Küche hinterher. „Nein“, durchzuckte es mich. Ich gestand den Preis, konnte Lisa aber davon überzeugen, dass es ein Ausrutscher war, der sich nicht wiederholen würde. Ich erzählte ihr von der Anprobe und Lisa bog sich vor Lachen. „Das ist mein Mann“, schmunzelte sie mich an und gab mir einen Kuss. Ich blätterte durch die „Runner’s World“, las das ein oder andere Thema und schlief ein. Ich träumte von einem Marathonlauf. So weit ist es nun schon. Am Start stand ich mit anderen Läufern in einer Reihe. Ich hatte die Startnummer 1. Wir warteten angespannt auf den Startschuss. Endlich ertönte der Knall und wir liefen los. Mit einer Geschwindigkeit, dass der Wind in meinen Haaren wehte, liefen wir über die Strecke. Ohne merkliche Anstrengung ließen wir Kilometer um Kilometer hinter uns. Schließlich lief ich, alleine an der Spitze, einem ungefährdeten Sieg entgegen. Dann einen Kilometer vor dem Ziel begann die Apokalypse. Ich sah das Zielbanner und bewegte mich nicht mehr von der Stelle. Ich zog die Geschwindigkeit an, bis meine Beine in einer aberwitzigen Abfolge von Bewegungen rotierten. Erst überholten mich einige, dann immer mehr und schließlich waren alle vorbei. Umso mehr ich versuchte schneller zu laufen, umso weniger bewegte ich mich. Ich begann zu schreien, konnte es nicht fassen. Ich ruderte mit den Armen, versuchte vorwärts zu kommen, nichts half. Der Besenwagen (für alle Nicht-Marathonis, das ist der Kleinbus, welcher bei einem Marathon die letzten Läufer auf der Strecke aufsammelt) fuhr an mir vorbei, ohne mich wahrzunehmen. Ich brüllte so laut ich konnte, bis ich eine Stimme hörte, „Hans, wach auf, Hans, wach auf.“ Lisa hatte sich über mich gebeugt und schüttelte mich an der Schulter. Völlig verwirrt sah ich sie an, bis ich begriff, dass ich geträumt hatte. Lisa sagte, „du hast geschrien und dabei wild mit den Armen gerudert. Ich setzte mich auf und kam langsam zu mir. „Was für ein Albtraum“, dachte ich. Über die Bedeutung dieses Traumes wollte ich gar nicht nachdenken. Ich sah aus dem Fenster und traute meinen Augen nicht. Es hatte begonnen zu schneien, die Wiesen und Bäume waren mit einer weißen Schicht überzogen. „Ein guter Zeitpunkt um die Laufschuhe zu schnüren“, sagte ich zu mir selbst. Samstagnachmittag gab es sonst nichts zu tun, die Kinder waren bei Freunden und Lisa widmete sich ihrem Hobby, dem Malen. „Ich geh’ laufen“, sagte ich zu Lisa. „Denk aber bitte daran, dass du die Kinder um 18:00 Uhr abholen sollst“, erwiderte Lisa. „Ja“, sagte ich, „das sind ja noch drei Stunden, da bin ich längst wieder da.“ Ich zog stolz meine neuen Winterlaufklamotten an - abgesehen von dem nassen Unterhemd - und verließ das Haus. Ich wollte meine Hausstrecke durch den Neuburger Wald laufen. Ein Druck auf den Pulsmesser und los ging’s. Langsam lief ich in das Naturschutzgebiet hinter unserem Haus und bog in den Wald ab. Die anfänglich abschüssige Strecke war ein Rundkurs von fünf Kilometern Länge. Längst kannte ich meinen Rhythmus. Ich genoss die Winterstimmung, Schnee kitzelte mein Gesicht und alle Geräusche schienen irgendwie gedämpft. Ich fühlte mich gut. Auf halber Strecke beschloss ich, heute etwas weiter und die Strecke etwas anders zu laufen. Ich bog in eine Richtung ab, wo ich bis heute noch nicht gewesen war. Lief ca. zwei Kilometer, bog dann in die Richtung ab, aus der ich vermeintlich gekommen war. Nach ca. weiteren zwei Kilometern, was ich leicht an der vergangenen Zeit überprüfen konnte, hätte ich auf meinen alten Rundkurs stoßen müssen. Wie sie wohl schon ahnen, war das nicht der Fall. Ich lief weiter und kam erneut an eine Gabelung, ich entschied mich für den rechten Weg. Inzwischen schwitzte ich schon merklich, einerseits vom Laufen, andererseits aus Panik, weil ich den Weg zurück nicht fand. Dann war auf einmal der Weg zu Ende, nur ein schmaler Pfad führte ins Unterholz. Ich blickte zurück. Sollte ich zurücklaufen? Ich konnte mich aber nicht mehr erinnern, wo ich überall abgebogen war. Ich nahm den Pfad ins Unterholz und das Schicksal nahm seinen Lauf. Die Uhr zeigte bereits eine Stunde und 15 Minuten an. Zuerst blieb ich mit meiner neuen Laufjacke an einem Ast hängen, was mir ein Drittel des Ärmels aus der Schulter riss, dann trat ich mit dem linken Fuß in ein Schlammloch und versank bis knapp über dem Knöchel darin. Mit einem Schmatzen zog ich den Fuß heraus und fluchte laut vor mich hin. Ich wühlte mich weiter durchs Unterholz, kam an eine mir völlig unbekannte Lichtung und hatte nun die Wahl zwischen allen Himmelsrichtungen, da kein Weg mehr erkennbar war. Also, was blieb mir übrig, ich setzte meinen Weg in die gleiche Richtung fort. Es wurde dunkel und mit der Dunkelheit stieg immer mehr Panik in mir auf. Bald sah ich die Hand vor Augen nicht mehr. Ein weiterer Ast hinterließ einen Kratzer auf meiner rechten Wange und zog mir die Mütze von der Rübe. Ich konnte sie nicht mehr finden. Laufen konnte ich nicht mehr, da ich kaum den Boden erkennen konnte. Dann sah ich in der Ferne Lichter und steuerte darauf zu. Als ich näher kam, erkannte ich einen Supermarkt, der ca. 5 Kilometer von unserem Wohnort entfernt lag und mir wohl bekannt war. Ich war erleichtert hüpfte aus dem Wald auf einen Feldweg, stolperte und schlug lang hin. Ich schürfte mir die Nase auf und der Schotter hinterließ ein Loch im Knie meiner neuen Laufhose. Geschunden trabte ich nach Hause. Mittlerweile war ich drei Stunden und 40 Minuten unterwegs. Als ich zuhause ankam, klingelte ich und hörte Lisa schon schimpfen. „Hans wo kommst du denn jetzt her?“ Sie riss die Tür auf und sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen. „Um Himmels willen, was ist passiert“, sagte sie entsetzt. Sabine und Martin kamen angelaufen, Lisa hatte sie inzwischen abgeholt. Ich musste ein Bild des Elends abgegeben haben. Ich sah aus wie ein Landstreicher, der seit Jahren unterwegs war und gerade eine Kneipenschlägerei hinter sich hatte. „Geht’s dir gut“, fragte Lisa und hielt sich die Hand vor den Mund. „Bin den Klitschko-Brüdern begegnet, sind frech geworden, da hab ich’s ihnen
gezeigt“, sagte ich möglichst locker. Alle fingen an zu lachen. Ich erzählte Lisa meine Leidensgeschichte. Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Die Moral von der Geschichte: Verlasse deine gewohnten Wege nicht. Die Jacke und die Hose wurden genäht, die Wunden versorgt, der Schmutz abgewaschen und ich war wieder eine Erfahrung reicher. Wie hatte ich in Steffnys Buch gelesen, „Die Sieger des Sommers werden im Winter gemacht“. Und was ist mit den Idioten des Winters?? Bis zum nächsten Mal, euer

Hans Hurtig

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