Al Bundy saß auf der Couch, in der Linken die Fernbedienung, die Rechte im Hosenbund und starrte missmutig und frustriert auf den Fernseher. Peggy watschelte auf und ab, warf Al die ein, oder andere Gemeinheit an den Kopf, die Al gar nicht wahrnahm. Sein Gesicht war von den unzähligen Misserfolgen gezeichnet, seine Figur war aus den Fugen geraten, sein Leben eine Ruine.

Erschrocken stellte ich fest, dass es gewisse Ähnlichkeiten, zwischen Al und mir gab. Nur mein Bauch war etwas größer und ich hatte noch eine Schüssel mit meinen Lieblingschips - Paprika/Peperoni - auf dem Schoß. „Was war ich mal durchtrainiert“, dachte ich und verlor mich in Gedanken an Zeiten, welche schon Jahre - Jahrzehnte? - zurückliegen, als ich noch jung und knackig war. Ich konnte einst 5000m in 20min laufen, „nicht überragend, aber auch nicht schlecht“ dachte ich. Als ich meine Frau Lisa kennenlernte, war ich fünfundzwanzig schlank und gut trainiert. Zwanzig Jahre später musste ich feststellen, dass ich, mit meinen Einsdreiundachzig Größe und vierundneunzig Kilo, gut, gut 98 Kilo nicht mehr ganz dem Gardemaß einer Elitetruppe entsprach. „Bin ich fett?“, fragte ich meinen imaginären Beobachter, "ja Du bist fett geworden", antwortete die imaginäre Stimme.

Ich stellte die Schüssel beiseite, war sowieso leer. „Lisa ist im Turnverein, die Kinder sind bei Oma, da kann ich mal meine Figur überprüfen“ dachte ich. Ich ging in den ersten Stock zum großen Spiegel im Schlafzimmer und legte meine Kleidung ab. Nackt stand ich da und betrachtete mein Spiegelbild. „Muss sich verzogen haben das Teil, wie die Dinger im Spiegelkabinett“, dachte ich, denn was ich da sah, entsprach ganz und gar nicht Hans Hurtig dem Stählernen. Sah eher aus wie Hans Hurtig der Schwabbelige. Ich machte einige Verrenkungen, versuchte es mit Bauch einziehen - das dicke Ding konnte man nur nicht mehr einziehen. Es blieb die Erkenntnis, dass die Zeiten wohl vorbei waren, in welchen man mit der Figur noch Eindruck machen konnte.

Noch in frustrierenden Gedanken versunken, hörte ich plötzlich Lisas Stimme, „Was macht Du denn da“, ich fuhr erschrocken herum. Lisa sah mich an und grinste wissend. Ich wollte nur meine neue Hose anprobieren. „Ohne Unterhose“ sagte Lisa und warf einen Blick auf mein bestes Stück. „Ja, ich“, stammelte ich und wurde rot, "wollte dann gleich duschen." Augenblicklich verschwand ich im Bad, um der Situation zu entgehen. Ich duschte, wollte ich gar nicht, aber was macht man nicht alles, um aus einer unangenehmen Lage zu entfliehen. Lisa kam ins Badezimmer und zog sich um. Als sie hinausging, sagte sie beiläufig, „du bist ganz schön dick geworden, ist mir noch gar nicht so aufgefallen.“ Der Dolchstoß saß. Mein Ego war auf dem Nullpunkt. Geprügelt schlich ich aus der Dusche, trocknete mich ab und vermied jeden Blick in den Spiegel. „Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen“, dachte ich.

Plötzlich spürte ich ein Gefühl in mir aufsteigen, das mir in den letzten Jahren völlig abhandengekommen war, Enthusiasmus. Ich musste etwas ändern, ich wollte nicht so weitermachen. Ich wollte meine Figur zurück - mein Leben. Was sollte ich tun? Laufen, „du warst doch ein guter Läufer und Laufen ist das Beste, um abzunehmen“, dachte ich und rannte, das Handtuch um die Hüften, in den Keller. Irgendwo in der Ecke, hinter dem Regal Lagen noch meine Laufschuhe von damals, ich fand sie. Sie sahen aus als hätte ich sie hier vor hundert Jahren deponiert, eingestaubt, voll Spinnweben und ziemlich verformt. „macht nichts, ein bisschen Wasser, eine Bürste und die sind wie neu“, dachte ich. Augenblicklich wurden die alten Treter gereinigt. „Schon besser, sehen aus wie - immer noch alt, aber sauber.

Ich rannte die Treppe wieder hinauf und zog mir meinen Trainingsanzug - dicke Baumwolle – an, Socken, meine „Laufschuhe“ und rannte die Treppe wieder hinunter. „Lisa ich geh’ Laufen“, rief ich und wollte sofort aus der Eingangstür verschwinden. Lisa glotzte, als hätte ich gerade erklärt, ich besteige den „Mount Everest“. „Du gehst was?“, fragte Lisa. „Ich gehe Joggen“, sagte ich nochmals. „Hast du nicht gerade geduscht“, sagte sie. „Ja schon, war ein spontaner Entschluss“, erwiderte ich und verschwand aus der Eingangstür, um weiteren Diskussionen aus dem Weg zu gehen.

Erst ging ich ein Stück, um den Blicken der Nachbarn keinen Nährstoff für Tratsch zu liefern, bog um die Ecke und rannte los. Nach ca. 100 Metern musste ich völlig erschöpft stehen bleiben. „War wohl zu schnell für den Anfang“, dachte ich und setzte mich nach einer Pause wieder in Bewegung, jetzt viel langsamer. Ein asthmatischer Cockerspaniel hätte mir auf 200 Metern 150 Meter abgenommen. Nach 10 Minuten war ich total am Ende, Schweiß lief mir über den gesamten Körper, mein Kopf glich einer vollreifen Tomate, der Trainingsanzug war durchweicht und meine Fußsohlen brannten wie Feuer. Zurücklaufen konnte ich nicht mehr. Ich kroch förmlich nach Hause.

Lisa empfing mich mit einem hämischen Grinsen. „Bist du schon wieder da, und wie war’s“, fragte sie scheinheilig. „Gut“, sagte ich und versuchte meinen keuchenden Atem zu verbergen. „Ich geh dann mal duschen“, sagte ich - schon wieder. Langsam erholte ich mich, aus meinem Keuchen wurde wieder atmen. „Das war wohl etwas zu viel, aber es waren doch nur 10 Minuten“, dachte ich.

Ich brauchte Hilfe, nur woher? Am nächsten Tag taten mir alle Knochen weh. Gut, dass ich gerade Urlaub hatte, arbeiten hätte ich nicht gekonnt. Ich fuhr in die Stadt, ging in den Buchladen und suchte nach einem Buch für Laufanfänger. Ich fand ein Buch von Herbert Steffny, „Perfektes Lauftraining“. Auf dem Klappentext stand, „Das komplette Buch zum Lauftraining, vom Anfänger bis zum Profi“. „Genau das Richtige für mich“, dachte ich, drückte die 49,- Euro ab und fuhr wieder zurück. Ich holte mir eine Tasse Kaffee und legte mich mit meiner neuen Lektüre auf die Couch, aber dazu mehr in der nächsten Episode.

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