Ich saß auf der Couch und blätterte in meinem neuen Laufbuch und fühlte mich schon wie ein richtiger Läufer. Ich dachte kurz an meinen gestrigen Ausflug in den alten Joggingtretern und das Läufergefühl ließ augenblicklich nach.

Nach einer Einleitung mit diversen Danksagungen an alle, die an dem Buch gearbeitet hatten, einem geschichtlichen Streiflicht vom Anbeginn des Marathonlaufes bis heute, begann das erste Kapitel, „Der Laufschuh“. Des Läufers wichtigster Ausrüstungsgegenstand ist der Laufschuh, stand als einleitender Satz über der ersten Seite, des Kapitels. Ich las aufmerksam was über den Laufschuh geschrieben stand. Da standen Wörter wie: Leisten, EVA, Pronationsstütze, Überpronierer, Supinierer, Normalfüßler, Hohlfuß, Senkfuß, Vorfußläufer, Mittelfußläufer, Fersenläufer und Laufbandanalyse. Nach der ersten Seite war ich derart verwirrt, dass ich glaubte, der Laufschuh ist eine neuartige Erfindung der NASA, welche um jeden Preis geheim gehalten werden musste. Aufwendige Technik, die in ein bisschen Gummi und Stoff versteckt wurde und durch einen skurrilen Wortcode geschützt war. Es folgten die orthopädischen Aspekte des Laufschuhs und ein Abriss der heute verwendeten Materialien.

Gott sei Dank kam am Ende des Kapitels der erlösende Satz. „Gehen Sie zum Sportfachhändler Ihres Vertrauens und lassen Sie sich beraten.“ Es gab noch eine Checkliste, die man zum Laufschuhkauf mitnehmen sollte. Auf dieser Liste war alles festgehalten, was man von einer seriösen Laufschuhberatung erwarten durfte. Man sollte eigene Socken mitnehmen - nicht gewaschen, „der Verkäufer wird seine Freude haben“, dachte ich. Die letzte Empfehlung lautetet, „kaufen Sie Ihre Laufschuhe am besten am späten Nachmittag, weil die Füße dann eher geschwollen sind. „Ich bin doch keine 80 Jahre alt und habe Wasser in den Beinen“, dachte ich. Aber wenn mein Guru sagt, am späten Nachmittag, dann mache ich das. Ich schrieb die Liste ab und dachte, „es lag wohl nur an den alten Joggingtretern aus dem letzten Jahrhundert, warum der erste Lauf ein Desaster war.“ Ich war erleichtert.

Mein Entschluss stand fest, ich brauche richtige Laufschuhe. Mit Kreditkarte, Checkliste und Laufsocken bewaffnet fuhr ich in die Stadt, parkte wie immer im Parkhaus unter dem Hauptplatz und stürzte mich ins Getümmel der Fußgängerzone. „Sportfachhändler meines Vertrauens, hab ich keinen“, dachte ich. Also musste ich auf gut Glück einen Laden mit Sportschuhen und hoffentlich checklistengerechter Beratung finden.

Ich ging in den ersten Laden, der Sportschuhe im Schaufenster hatte. Ein Verkäufer kam auf mich zu, der es in puncto Figur locker mit mir aufnehmen konnte. Er war zwar einen Kopf kleiner als ich, aber bestimmt nicht leichter. „Kann ich ihnen helfen“, fragte er. Ich sagte, „ich brauche Laufschuhe.“ Er nickte kurz, sah an mir hinunter, verharrte kurz bei meinen Füßen und verschwand ohne ein Wort in einem Raum hinter der Kasse.

Da stand ich nun mit meiner Checkliste in der Hand - die Socken hatte ich noch in der Tasche, sonst hätten die anderen Kunden wohl fluchtartig den Laden verlassen. Der dickliche Verkäufer kam mit einem Armvoll Schuhkartons zurück und bat mich auf dem Schemel an der Wand Platz zu nehmen. Er holte das erste Paar aus dem Karton und sagte, „das ist zehneinhalb, die müssten passen." „Ich habe aber Größe 44 erwiderte ich.“ Er lächelte süffisant, „das ist die UK Größe und entspricht ca. der europäischen Größe 44.“ „Ah ja“, erwiderte ich. Ich stieg in den Laufschuh und hatte schlagartig das
Gefühl ich stecke in einem Schraubstock. „Der ist wohl etwas zu klein“, sagte der kleine Dicke und holte den nächsten Schuh aus einer Schachtel. „Das ist UK 11, probieren Sie den mal“, sagte er. „Moment", sagte ich und holte die Socken aus meiner Tasche. Ich zog sie über und stieg in den nächsten Schuh. Der Verkäufer neigte angewidert den Kopf zur Seite. Ich muss gestehen, die Socken rochen wirklich streng, aber man sollte ja ungewaschene Socken verwenden, der Sinn ist mir bis heute nicht ganz klar, oder habe ich vielleicht etwas falsch verstanden? Dieser Schuh fühlte sich schon viel besser an. Der Verkäufer drückte seinen Daumen vor meinen Zehen in den Schuh und rang sichtlich nach Luft. Etwas gepresst sagte er „der würde passen.“ „Gehen Sie mal ein Stück“, forderte er mich auf. Ich ging im Laden auf und ab und dachte an meine Checkliste. Nichts, von dem, was auf der Liste Stand hatte mich der Verkäufer gefragt. „Und, wie fühlen sich die Schuhe an“, wollte der Dicke wissen. „Ja, ganz gut“, sagte ich und lief nochmals hin und her. Das machte ich mit diversen anderen Laufschuhen auch noch. „Möchten Sie noch ein anderes Paar probieren“, fragte er. „Nein“, sagte ich knapp. Ich fühlte mich jetzt etwas unwohl, da ich befürchtete, dass er gleich zum Abschluss des Kaufes drängen würde. Und tatsächlich war sein direkt anschließender Satz, „welches Paar möchten sie denn haben.“ Ich zögerte kurz und sagte dann mit fester Stimme, „ich muss mir das noch mal durch den Kopf gehen lassen.“ Ich zog schnell meine Straßenschuhe an und verließ nach kurzem Gruß fluchtartig den Laden. Der kleine Dicke warf mir noch einen verächtlichen Blick zu und verschwand aus meinem Blickfeld.

Eine Stunde hatte mich das gekostet und ich dachte mit Schrecken an die nächsten Versuche. Reichlich desillusioniert latschte ich weiter. „So ein Idiot“, dachte ich, „nicht mal den Preis eines Paares hat er genannt, geschweige denn eine meiner Checklisten Fragen erwähnt.“ Ich setzte mich in ein Café und bestellte mir einen Cappuccino. Während ich noch über den kleinen Dicken nachdachte und meinen Cappuccino schlürfte, sah ich auf der anderen Straßenseite einen kleinen unscheinbaren Laden, mit der Aufschrift „Laufschuh-Beratung und Laufbandanalyse“ auf der Tür. Darunter waren diverse Laufschuhmarken aufgeführt, ein Bild von Dieter Baumann, bei seinem Olympia-Sieg über 5000m in Barcelona 1992, mit aufgerissenem Mund und in den Himmel gestreckten Armen, hing im Schaufenster.

Augenblicklich fasste ich neuen Mut. Ich zahlte und ging über die Straße. Ich betrat den Laden und wurde von einer netten Dame mit den Worten „wie kann ich ihnen helfen“ begrüßt. „Ich brauche Laufschuhe“, sagte ich. „Nehmen sie einen Moment Platz, ich schicke ihnen den ersten freien Verkäufer“, sagte sie. Ich setzte mich auf eine Bank im Eingangsbereich und begann in einer Ausgabe der „Runners World“ zu blättern, welche auf dem Tisch daneben lag. Nach ca. fünf Minuten begrüßte mich ein großer, blonder, drahtiger Typ mit einem freundlichen „Hallo, ich bin Tobias“ und streckte mir seine Hand entgegen. Ich schreckte auf und gab ihm die Hand, „Hans“, sagte ich und lächelte zurück. „Du brauchst Laufschuhe“, fragte er. „Ja“, sagte ich knapp und erwartete das nächste Desaster. „Komm bitte mit“, sagte er freundlich und ich folgte ihm durch den kleinen Laden. In einen anschließenden Raum, der fast ausschließlich aus Regalen bestand, auf welchen duzende von Laufschuhen standen. In der Mitte stand ein großes Laufband, über dem ein Flachbildschirm hing. Er zeigte auf einen runden Tisch mit Stühlen und sagte „nimm bitte Platz“. Aus einem Regal holte er ein Klemmbrett mit einer Checkliste hervor. Ich begann innerlich zu jubeln, „eine Checkliste, hier bin ich besser aufgehoben“, dachte ich. Er setzte sich zu mir und fragte mich nach meinem Alter, meinem Gewicht (wie peinlich), ob ich Anfänger wäre, orthopädische Probleme hätte, auf welchem Untergrund ich bevorzugt laufen würde und noch diverse andere Punkte, bis seine Liste durchgearbeitet war. Danach musste ich barfuß und in Unterhosen auf ein Podest aus Plexiglas steigen, unter welchem ein um 45 Grad geneigter Spiegel angebracht war, der den Fußabdruck widerspiegelte. „Einen leichten Senkfuß hast Du“, sagte Tobias, den ich duzte, da er mich auch duzte, „ist wohl unter Läufern so üblich“, dachte ich. Er zog eine Art Marker aus der Tasche, trat hinter das Podest, bat mich gerade und stillzustehen und malte mir ein paar Linien auf die Waden und quer über die Achillessehne. Er begutachtete meine Beinstellung und vermaß meine Füße mit einer Lehre, in die ich hineinsteigen musste. „Ich wollte eigentlich nur Laufschuhe kaufen und keine Bewerbung als Jetpilot durchlaufen“, dachte ich. Aber Tobias machte den Eindruck als verstehe er, was er tut, also ließ ich die Prozedur über mich ergehen. Als er alle Daten gesammelt hatte, bat er mich auf die Lauffläche des Laufbandes zu steigen, erklärte mir kurz den Ablauf und startete das Laufband mit langsamer Geschwindigkeit. Er justierte kurz eine Kamera hinter mir und blickte auf den Monitor, wo jetzt meine Rückansicht zusehen war. Ich trabte so etwa drei Minuten vor mich hin, dann stellte Tobias die Geschwindigkeit schneller. Ich musste nun richtig laufen, um nicht vom Band zu fallen. Nach einer weiteren Minute stellte er noch schneller, fragte kurz, „geht’s noch“, ich nickte und versuchte mein beginnendes Keuchen zu verbergen. Nach einer weiteren Minute stoppte er das Band. Mein knallroter Kopf ist ihm sicher nicht entgangen. „Hast schon lange nichts mehr gemacht“, bemerkte der Hüne kurz. Ich nickte. Er studierte die Videoaufzeichnung in Zeitlupe, notierte einige Dinge und wand sich wieder mir zu. „Du bist ein leichter Überpronierer, mit wenig ausgeprägtem X-Fuß“. „Überpronierer“, dachte ich, das Wort habe ich im Buch gelesen. Tobias zeigte mir anhand der Aufzeichnung, was Überpronation bedeutet. Man sah deutlich, wie sich die aufgemalten Linien in der Stützphase nach innen neigten und mein Fuß abknickte. „Du brauchst einen Stabilschuh, mit Pronationsstütze und leicht gebogenem Leisten“, sagte er. Er drückte mir ein Paar Laufsocken in die Hand und holte drei verschiedene Laufschuhmodelle von der Wand. Ich war froh, nicht meine Socken anziehen zu müssen. „Nach Vermessung deiner Füße ist UK 11 die richtige Größe“, sagte er. Ich zog das erste Paar an. Tobias checkte den Zehenabstand im Schuh und ich musste wieder aufs Band. Diesmal allerdings nur eine Minute. Die Schuhe fühlten sich sehr bequem an. Tobias analysierte die Aufzeichnung, nickte und ließ mich das zweite Paar anziehen. Diese Prozedur folgte auch für das dritte Paar. Am Ende lautete seine Empfehlung, zwei Paar von verschiedenen Herstellern, die meine Bedürfnisse berücksichtigen, und welche im Training abwechselnd zu benutzen waren.

Ich zückte meine Kreditkarte, nahm auf Empfehlung von Tobi (so nenne ich ihn nun seit Langem), noch zwei Funktionsshirts, zwei Laufhosen, zwei Paar Laufsocken und eine Packung Schweißbänder mit und zahlte 350,- Euro, "Lisa wird mich erschlagen", dachte ich. Tobi schlug mir zum Abschied auf die Schulter (ich hatte das Gefühl mein Schulterblatt erlitt einen komplizierten Splitterbruch) und sagte "jetzt musst du nur noch ordentlich trainieren". Ich fuhr zurück und massierte während der Fahrt meine schmerzende Schulter. Gott sei Dank war niemand zuhause, ich breitete mein neues Equipment auf dem Sofa aus und betrachtete Stolz meinen Einkauf. Ich zog eins der neuen Shirts, eine Laufhose, Socken und ein Paar meiner neuen Laufschuhe an, steckte mir den Schlüssel in die praktische Schlüsseltasche auf der Rückseite der Hose - „an was die alles denken“, dachte ich - und ging hinaus auf die Straße. Diesmal schlich ich nicht ums Eck, sondern präsentierte mich in meinem neuen Outfit der ganzen Straße, sollten die nur sehen, dass ich ein Läufer bin. Ich joggte los. Nach zehn Minuten war der einzige Unterschied zum ersten Lauf, dass der Schweiß nicht an meiner Haut, sondern jetzt an meinen Funktionsklamotten herunterlief. Ich ging zurück, keuchte wie ein Wasserbüffel und war frustriert - schon wieder. „Was hast du erwartet Hans“, dachte ich bei mir, „von neuen Schuhen und ein paar Laufklamotten bekommt man keine Ausdauer du Esel.“ Also zurück auf die Couch und des Gurus Trainingsanweisungen für Anfänger lesen. Dazu aber mehr in der nächsten Episode

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