Ich schmökerte, bei einer Tasse Kaffe, in meinem Laufbuch. Nachdem ich mir die richtige Ausrüstung besorgt hatte und auch schon zwei Laufversuche hinter mir hatte, las ich jetzt das Kapitel über das Anfängertraining genauer. Nach einigen Seiten wurde mir klar, dass ich mich in die Kategorie „blutiger Anfänger“ einreihen musste und dass meine ersten Laufausflüge alles andere als richtig waren. Steffny schrieb, ein Anfänger sollte die ersten Wochen seines Läuferlebens mit abwechselndem Gehen-Laufen-Rhythmus im Intervall drei zu einer Minute verbringen. Die Laufphasen sollten aus langsamen Traben bestehen, die Gehphasen aus zügigem Gehen. Mein Ego war sowieso schon angekratzt und nun sollte ich auch noch in Warmduscher-Manier durch die Gegend schleichen. „Da bin ich ja dem Gespött der gesamten Nachbarschaft ausgesetzt“, dachte ich. Ich beschloss meine Laufeinheiten an den Trimm-dich-Pfad unseres Ortes zu verlegen, in der Hoffnung, dass mich hier niemand erkennt. Ich studierte den Einsteigerplan genau, erstellte mir eine Liste in Excel und platzierte den Ausdruck sichtbar am Badezimmerspiegel, um genau zu wissen, wie ich an welchem Tag zu trainieren hatte. Mein erster Tag bestand aus 20 Minuten Training, jeweils eine Minute laufen und drei Minuten gehen. Das Ganze dann fünfmal. Ich zog meine Laufklamotten an, steckte voller Stolz die Füße in meine neuen Laufschuhe und fühlte mich augenblicklich wieder wie ein richtiger Läufer. Ich schlich mich in die Garage, ohne gesehen zu werden und fuhr zum Trimm-dich-Pfad. Da das Wetter trüb und kühl war, parkten nur wenige Autos auf dem Parkplatz. Ich stieg aus streckte mich etwas, ging zum Start und setzte mich langsam in Bewegung. Ich sah auf meine Armbanduhr und maß die Zeit bis meine Trabminute vorbei war. „Das war ja easy”, dachte ich. Auch die zweite Minute konnte ich noch locker bewältigen. Ich ging drei Minuten und wiederholte die Trabminute. Die dritte Minute war schon etwas anstrengender, ich schaffte aber auch diese. Jetzt wurde es langsam unangenehm, die vierte Minute strengte mich schon sehr an und ich war froh, als die Gehpause kam. Der Schweiß lief mir in Strömen über den Körper. Ich biss die Zähne zusammen und absolvierte auch noch das letzte Intervall. Sichtlich erschöpft blieb ich stehen, und machte erst einmal ein paar Minuten Pause. Ich hatte allerdings einen entscheidenden Fehler gemacht. Ich hatte versäumt auf halber Strecke umzukehren und musste nun zurück zum Parkplatz. Ich ging langsam den Weg zurück, als eine Horde Fußgänger mit Stöcken auf mich zukam, die seltsam mit den langen Dingern herumfuchtelten, sich angeregt unterhielten - was an schnatternde Gänse erinnerte - und den gesamten Weg versperrten, wie ein Bulldozer. Als die Horde näher kam, erkannte ich voller Entsetzen, dass es sich um die Turngruppe meiner Frau handelte, die mich natürlich alle kannten. Die Ersten hatten mich schon erspäht, eine Flucht war also unmöglich. „Ja da schau her, der Hans in Laufklamotten und rotem Kopf“, war noch der mildeste Kommentar. Sie zogen an mir vorbei und versahen mich mit Hohn und Spott. Lisa war zwar nicht in der Gruppe, aber dass sie es in kürzester Zeit erfahren würde, war mir völlig klar. Ich lächelte nur und versuchte die bestmögliche Figur abzugeben, was angesichts meines schweißüberströmten Körpers und meiner roten Birne nicht ganz einfach war. „Der Trimm-dich-Pfad war wirklich eine super Idee Hans“, dachte ich und wäre am liebsten im Boden versunken. Nachdem die plappernde Herde von Turnfrauen vorbeigezogen war, schlich ich zurück zum Auto, immer auf der Hut, nicht noch mal kalt erwischt zu werden. Ich fuhr zurück und dachte über mein Training nach. „Es war zwar anstrengend, aber ich habe es gut überstanden“, dachte ich. Ich war erschöpft, aber nicht total kaputt, wie die ersten beiden Male. Hoffnung keimte auf. Wenn ich mich genau an den Plan hielt, kann ich laut Steffny in 12 Wochen 40 Minuten am Stück laufen, ohne eine Pause zu machen. Klingt unglaublich, aber wenn Steffny das sagt, wird’s wohl auch stimmen. Am Abend kam Lisa aus der Arbeit nach Hause - ich hatte ja noch Urlaub - und grinste mich schon in der Tür über beide Ohren an. „Hallo Schatz, hattest du heute eine Begegnung der dritten Art“, fragte sie. „Was meinst Du denn“, stellte ich mich dumm. „Ich meine die Nordicwalking Gruppe der Turnfrauen, die haben dich heute auf dem Trimm-dich-Pfad gesehen.“ „Ach so die“, sagte ich, „ja, da war ich gerade laufen.“ „Simone hat gesagt, dass du ziemlich elend ausgesehen hast.“ „Ich und elend“, erwiderte ich, „ich war nur etwas abgekämpft, nach 45 Minuten laufen“, schwindelte ich. Natürlich hatte Simone, das alte Waschweib, meine Frau gleich in der Arbeit angerufen und ihr brühwarm erzählt, dass sie mich am Trimm-dich-Pfad gesehen hatte. Lisa schien die 45 Minuten gar nicht wahrzunehmen, sie sagte nur „ich mach was zu essen, kannst du eine Trommel Wäsche reinschmeißen.“ „Ja“, sagte ich mürrisch und verzog mich ins Bad, um die Wäsche zu holen. Beinahe war ich beleidigt, dass Lisa meine Trainingsleistung von 45 Minuten, die ich ja gar nicht erbracht hatte, nicht würdigte. „Das mit dem Ego ist schon eine seltsame Sache“, dachte ich. Trotzdem war ich stolz auf mein erstes richtiges Training, auch wenn ich zunächst das Gesprächsthema Nummer eins in der Frauen-Turngruppe war. „Nordicwalking war das also, wenn man mit Stöcken wild fuchtelnd durch die Gegend latscht und andere Leute ausrichtet“, dachte ich belustigt.“ „Das sieht aus wie Langlaufen ohne Schnee, also einfach bescheuert“, dachte ich und musste Lachen. „Ich werde es euch allen zeigen, spottet nur“, ließ ich meinen Gedanken freien Lauf, „irgendwann werde ich einen Marathon laufen, dann könnt ihr einpacken mit euren Laufspießen und werdet vor Ehrfurcht erstarren.“ Ich erschrak vor meinem eigenen Gedanken, „einen Marathon“, dachte ich, „in meinem körperlichen Zustand wäre das, als würde Johannes Heesters ankündigen mit Wladimir Klitschko um die Weltmeisterschaft Boxen zu wollen." Ich verwarf die übermütige Eingebung und kehrte auf den Boden der Tatsachen zurück. Lisa rief aus der Küche „Hans komm essen.“In der Zwischenzeit waren auch die Kinder zurück. Sabine war 13 und ging aufs Gymnasium, Martin hatte gerade seinen 8. Geburtstag hinter sich. Da gerade Ferien waren, verbrachte er viel Zeit bei den Großeltern, während Sabine mit ihren Freundinnen herumhing. Sie erzählte nur noch wenig von ihren Aktivitäten. Die Pubertät hatte sie voll im Griff. Wir aßen zusammen, aber meine Gedanken waren schon bei meiner nächsten Trainingseinheit. Ich konnte es kaum erwarten die Laufschuhe erneut zu schnüren und durch den Wald zu laufen, das Fieber hatte mich gepackt. Ich verschlang die nächsten Kapitel in meinem Laufbuch. Viele neue Informationen über Ernährung, Herzfrequenzzonen, Trainingsmethoden, Ausrüstung und Verletzungen prasselten auf mich ein. Vor allen Dingen war immer wieder die Rede von der maximalen Herzfrequenz, welche wohl entscheidenden Einfluss auf das Training eines Ausdauersportlers hatte. Das Problem war, dass ich nur eine Armbanduhr besaß, noch nicht einmal mit Stoppuhr. Im Kapitel Technik stieß ich dann auf das Thema Pulsuhr. Dort stand auch eindeutig, speziell Anfänger - also ich - sollten eine Pulsuhr zur Trainingssteuerung benutzen. „Ich dachte Laufen sei ein billiger Sport. Jetzt habe ich gerade Hunderte von Euros für Laufschuhe und Laufbekleidung ausgegeben und nun brauch ich auch noch eine Pulsuhr“, sagte ich zu mir selbst. Ich las weiter im Kapitel „Trainingssteuerung mittels Herzfrequenz“ und kam dann unweigerlich zu dem Ergebnis, „Hans du brauchst eine Pulsuhr, am besten noch heute.“ Ich schaute auf die Uhr, „Mist dachte ich schon 19:50 Uhr, heute ist es schon zu spät.“ Ich setzte mich an den PC und durchforstete das Internet nach Pulsuhren. Eine Flut verschiedenen Marken und Typen von Pulsuhren wurde hier angeboten, dass es für ein Greenhorn wie mich schier unmöglich war, etwas Passendes zu finden. Da kam mir mein Lauf-Equipment-Dealer Tobi in den Sinn. „Er würde wissen, was ich brauche“, dachte ich und wäre am liebsten gleich schlafen gegangen, damit es schnell morgen ist und ich in den Laufladen fahren kann. Tja auch „Erwachsene“ benehmen sich zuweilen seltsam, aber ist es nicht die Leidenschaft und Begeisterung, die das Leben lebenswert machen? Wie es weiter geht, erfahren Ihr in der nächsten Folge.

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