Um Halbsieben sprang ich aus den Federn, wie ein kleiner Junge am Morgen seines Geburtstages, der sich auf allerlei Geschenke freut. So dynamisch war ich schon lange nicht mehr aufgestanden. Ich duschte, nahm ein kleines Frühstück mit Kaffee und einer Scheibe Brot mit Honig zu mir und stieg ins Auto, um in die Stadt zu fahren. Der Rest der Familie schlief samstags noch mindestens zwei Stunden. Zeit genug im Laufladen die passende Pulsuhr zu finden. Ich parkte wie immer im Parkhaus unter dem Hauptplatz und ging zielsicher in Tobis Läuferschmiede, wie ich den Laufladen von Tobias nannte. In der Zwischenzeit hatte ich herausbekommen, dass Tobi der Laufladen gehörte und dass er ein erfolgreicher Triathlet und Marathonläufer war. Ich wollte durch die Tür stürmen und mein Ansinnen vortragen und knallte mit dem Kopf gegen die Tür. „Was ist den nun los“, dachte ich, ich konnte die Tür auch nach mehrmaligem Drücken nicht öffnen. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass der Laden erst um 09:00 Uhr öffnete. Ich sah auf die Uhr und konnte es nicht fassen, es war 07:30 Uhr. An Öffnungszeiten hatte ich in meinem Eifer natürlich nicht gedacht. „So was Blödes, was sollte ich jetzt eineinhalb Stunden lang machen“, dachte ich. Zurückfahren wollte ich auch nicht. Also marschierte ich los und bummelte durch die Altstadt, in der Hoffnung einen Zeitvertreib zu finden. Jedes Mal wenn ich an einem Schaufenster vorbeikam, betrachtete ich mein Spiegelbild im Glas und war überzeugt, dass ich schon dünner aussah. Ich sog Luft in die Lunge und zog den Bauch ein. „Sah schon ordentlich aus“, dachte ich. Hinter mir kicherten zwei Mädchen im Teenageralter, die gerade auf die andere Straßenseite wechselten. Ich hörte noch Wortfetzen, wie, alter Sack und Dickerchen. Ich machte mich schnellstens vom Acker. So lief ich ohne Ziel durch die Stadt, um die Zeit totzuschlagen. Ein kleines Café am Rande der Altstadt hatte schon geöffnet. Es war ein wunderschöner Spätsommermorgen, noch kühl, aber die Sonne schickte schon die ersten warmen Strahlen in die noch unbelebte Fußgängerzone. In spätestens zwei Stunden würde es hier wimmeln von Menschen. Ich holte mir am Kiosk eine Tageszeitung, setzte mich an einen der Tische vor dem Café, bestellte eine Latte macchiato und begann in der Zeitung zu lesen. Ich genoss die Ruhe und die Wärme der ersten Sonnenstrahlen. „Sollte ich öfter machen“, dachte ich. Seit Ewigkeiten war ich nicht mehr so früh in der Stadt gewesen. Ich kannte die Fußgängerzone nur überfüllt mit Menschen, laut und hektisch. Ich las die Belanglosigkeiten der Vorkommnisse in der Region. „Die Lokalzeitung war wirklich nur zum Einwickeln von Gemüse geeignet“, dachte ich. Trotzdem las ich den ein oder anderen Artikel, um die Zeit totzuschlagen. Kurz vor 09:00 Uhr zahlte ich und ging zurück zum Laufladen. Als ich auf der Höhe des Ladens, auf der anderen Straßenseite, angekommen war, sah ich Tobi, wie er geraden die Tür aufsperrte. Ich überquerte die Straße, ließ mir noch ein paar Minuten Zeit, um nicht gleich nach dem Öffnen des Ladens hereinzuplatzen und ging dann hinein. Tobi kam gerade mit einer Tasse Kaffee aus einem Raum hinter der Kasse und begrüßte mich mit einem Lächeln. „Servus“, er zögerte, „Hans glaube ich?“ Ich nickte, „genau.“ „Wie geht’s, was macht das Laufen?“, fragte er. „Bin voll im Training“, erwiderte ich und lachte. „Was kann ich für dich tun“, fragte Tobi und stellte seinen Kaffee neben die Kasse. „Trink erst mal aus“, sagte ich und zeigte auf die Tasse. „OK“, sagte Tobi und trank seinen Kaffee. „Ich brauche eine Pulsuhr“, sagte ich und wartete auf Tobis Antwort. Er zog seine Augenbrauen nach oben und fragte, „hast du was Bestimmtes im Auge?“ Da ich Tobi als meinen geheimen Vertrauten in Sachen Laufberatung betrachtete, vor dem ich keine Rolle spielen musste, sagte ich, „ich habe keine Ahnung, was ich für eine Pulsuhr brauche und wie man das Ding einsetzt, ich habe nur gelesen, dass man sein Training damit steuern kann und soll.“ „Da hast du nicht ganz unrecht“, sagte Tobi, „die Herzfrequenz ist bei Laufeinsteigern ein wichtiges Kontrollinstrument, um im Training nicht zu überziehen.“ „Selbstverständlich benutzen auch Fortgeschrittene und Profis Pulsuhren, bei welchen allerdings die Kontrolle der Herzfrequenzzonen in den verschiedenen Trainingsarten wie GA1, GA2, Intervalltraining usw. im Vordergrund stehen.“ An meinem Gesichtsausdruck erkannte Tobi wohl, dass ich nur Bahnhof verstand, und begab sich sofort wieder auf die Ebene eines Ahnungslosen. Er sagte lachend, „lass dich von mir nicht verwirren, wir werden die Nebel schon lichten.“ „Ich zeige dir einige Modelle, die für Laufeinsteiger gut geeignet sind.“ Er zeigte mir ein paar Modelle, die einfach zu bedienen waren und auch preislich in mein Budget passten. Tobi zeigte mir die Bedienung der Pulsuhren, legte mir einige Brustgurte an, um mir die Übertragung zu demonstrieren. Ich hoffte inständig, dass ich nicht wieder aufs Laufband müsse. Nebenbei erklärte er mir mit einfachen Worten, worauf es bei der Pulsmessung ankam und worauf ich achten musste. Er empfahl mir eines der günstigeren Modelle, mit der Option, dass er es wieder in Zahlung nehmen würde, wenn ich eine Uhr mit umfangreicheren Funktionen wünschen würde. Damit war ich endgültig sicher, dass ich hier eine gute Beratung bekam. Ich entschied mich für Tobis Favoriten, eine einfache Pulsuhr eines Markenherstellers, da mir Tobi von einem Noname-Produkt abgeraten hatte. Ich bezahlte 69 Euro bedankte mich bei Tobi und war auch schon auf dem Weg nach Hause. Natürlich wollte ich die Uhr gleich ausprobieren, stieß aber zunächst mit der weiblichen Intuition meiner Frau zusammen. „Wo kommst Du denn her“, fragte Lisa und ließ sofort den Satz „hast du schon wieder Laufklamotten gekauft?“ folgen. Jetzt hatte ich die Chance zu sagen, Klamotten, nein, wieso, oder ich legte, gleich die Karten auf den Tisch und erzählte ihr von der Uhr, was mir eindeutig die klügere Entscheidung zu sein schien, da ich die Uhr ja schlecht verstecken konnte. „Weißt du Lisa“, begann ich, „um mich nicht zu überfordern und meine Gesundheit zu gefährden, habe ich mir einen Herzfrequenzmesser gekauft.“ „Herzfrequenzmesser hörte sich wesentlich besser und nötiger an als Pulsuhr“, dachte ich. Lisa zog die Augenbrauen nach unten und fragte, „brauchst du die den wirklich, du bist doch gerade drei, viermal gelaufen.“ „Sechs Mal“, sagte ich. Lisa schwieg und sah mich weiter an, als warte sie auf eine Antwort. „Klar brauche ich die, ich laufe jetzt regelmäßig“, erwiderte ich und wollte schon nach oben gehen, als die Frage kam, die ich dringend umgehen wollte. „Was hat die denn wieder gekostet?“ „War ein Schnäppchen, nur 69 Euro“, sagte ich und sprach 69 so undeutlich aus, dass es wirklich keiner verstanden hätte. „Wie viel?“, wurde Lisa lauter. „69 Euro“, sagte ich diesmal deutlich. Zu meinem Erstaunen sagte Lisa, „OK, das geht ja noch.“ „Jetzt ist aber erst mal Schluss mit Neuanschaffungen fürs Laufen, ja.“ „Klar“, sagte ich und verschwand im Bad. Ich kam mir vor wie ein Schuljunge, der gerade einen Rüffel erhalten hatte. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass es besser ist, sich am Samstagmorgen nicht mit seiner Frau anzulegen, was Geldangelegenheiten betraf. Voller Vorfreude zog ich meine Laufklamotten an, befeuchtete den Brustgurt meiner neuen Errungenschaft, wie es mir Tobi gezeigt hatte. Schnallte in mir um die Brust und hatte das Gefühl ich stecke in einem Schraubstock. War wohl etwas zu eng. Ich stellte ihn weiter und schon passte er optimal. Ich legte die Uhr an und drückte den roten Startknopf, der die Herzfrequenzaufzeichnung startete. Es dauerte einen Augenblick und die Uhr zeigte 88 Pulsschläge an. „Ganz schön hoch für nur herumstehen“, dachte ich. „Na ja, ist wohl die Aufregung“. Ich marschierte nach unten zog meine Laufschuhe an und setzte mich auf die Treppenstufen vor dem Haus und versuchte nach Anleitung von Tobi meine Herzfrequenzzonen für das Training einzustellen, musste aber feststellen, dass ich die Hälfte schon wieder vergessen hatte, und nun doch das Handbuch zur Hilfe nehmen musste. Tobi hatte mir geraten, mich zunächst an die Formel 220 minus Lebensalter zu halten, was die maximale Herzfrequenz sein sollte. Später wollte ich dann mal meinen tatsächlichen Maximalpuls ermitteln, aber erst wenn ich etwas besser trainiert wäre. Ich rechnete also meinen Maximalpuls aus, der 175 Schläge/Min. ergab. Tobi meinte ich soll mit höchstens 75% dieses Pulses trainieren, was bei ca. 131 Schlägen/Min. lag. Ich stellte also nach Anleitung, was erstaunlich einfach war, eine Obergrenze von 131 Schlägen/Min. und eine Untergrenze von 105 Schlägen/Min. ein, was 75 und 60% der maximalen Herzfrequenz entsprach. Alles klar, ich drückte nochmals den roten Knopf, wartete, bis die HF angezeigt wurde, drückte den Startknopf und lief los. Ich lief um die Ecke und hörte einen regelmäßigen Piepston, der mir signalisierte, dass ich über der eingestellten oberen Grenze der HF lag. Ich schaute auf die Uhr, sie zeigte 139 Schlägen/Min. an. „Das kann doch nicht sein, dachte ich und lief noch langsamer, was weniger als schnelles Gehen war. Immer noch piepste das dämliche Ding. Die HF sank auf 135 Schlägen/Min. Noch langsamer laufen ging kaum noch, ich versuchte es aber dennoch und bewegte mich jetzt im Schneckentempo. Die Anzeige fiel auf 130 Schlägen/Min. „Von Training kann aber kaum die Rede sein“, dachte ich. Ich lief ein bisschen schneller und die Nervensäge an meinem Handgelenk fing sofort wieder an zu piepsen. Schon reichlich genervt lief ich wieder langsamer und starrte dabei auf die Pulsuhr. Die Anzeige sank wieder. Das Spielchen wiederholte sich ca. 10-mal. Sobald ich etwas beschleunigte, fing es sofort an zu piepsen. Ich deaktivierte schließlich den Ton, starrte aber dauernd auf die Anzeige und übersah glatt eine Parkbank am Wegesrand. Ich schlug mit den Schienbeinen an die Sitzfläche und mit einem eleganten Handstandüberschlag wurde ich über die Bank katapultiert, schlug auf der anderen Seite auf und blieb liegen. Als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, saßen auch noch zwei ältere Damen auf der Bank, die, das Entsetzen noch im Gesicht, begannen mich zu beschimpfen. Sie merkten allerdings, dass ich mich nicht rührte und der Ärger wich augenblicklich dem Mutterinstinkt. Eine der Damen beugte sich über mich und fragte, „haben sie sich wehgetan“ und spuckte mir dabei Teile eines Apfels ins Gesicht, den sie wohl gerade gegessen hatte. Ich fürchtete, dass gleich das Gebiss folgen würde, und rappelte mich schnell auf und checkte erst mal meine Knochen. Es schien alles in Ordnung zu sein. Die zweite Dame reichte mir die Hand und wollte mir hochhelfen, sie sah aber so gebrechlich aus, dass ich Angst hatte, ich reiße ihr den Arm aus, wenn ich zugreifen würde. „Danke“, sagte ich und stand auf. Etwas benommen murmelte ich etwas wie „hab’ die Bank übersehen“ und machte mich schnell davon. „Mein Gott wie peinlich“, dachte ich. Da willst du deine Gesundheit fördern und überschlägst dich wie ein Kunstturner. „Gott sei Dank habe ich mich nicht verletzt, das wäre der Gipfel gewesen“, dachte ich. Die Pulsuhr hatte keinen Schaden genommen und zeigte 110 Schlägen/Min. Ich brach mein Training für heute ab und lief langsam zurück, 140 Schläge/Min. Ich spürte einen Schmerz im Schienbein. Dort, wo ich mit der Bank kollidiert war, wölbte sich eine Beule, die schon leichte Blaufärbung annahm. Ich hatte die Beule bis jetzt gar nicht bemerkt. Es schien aber nicht weiter schlimm zu sein. Zuhause angekommen legte ich mich erst einmal in die Badewanne und kam zur Ruhe. Lisa war in der Zwischenzeit mit den Kindern in die Stadt gefahren, ich hatte also eine Weile sturmfreie Bude, was ich anschließend für ein intensives Studium des Handbuches meiner Pulsuhr nutzen wollte. Die Erkenntnis des Tages war: glotz' beim Laufen nicht permanent auf die Pulsuhr, halte dich von alten Damen fern und bei meinem Trainingspuls kann ich höchstens schleichen wie meine Großmutter. „Toll, Hans“, dachte ich, „wenn es noch weitere Tiefschläge gibt, dann ist mein Läuferleben schneller vorbei, als es angefangen hat.“ Liebe Leserin, lieber Leser, dass Hans nicht aufgibt, können Sie sich ja denken. In der nächsten Episode sieht alles schon wieder bess…, anders aus. Bis zum nächsten Mal....

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