Die dunkle Jahreszeit hatte begonnen und ich lief immer noch. Hätte ich mir selbst nicht zugetraut. Mittlerweile konnte ich 30 Minuten am Stück laufen, mit einem Puls von 130-135 Schlägen pro Minute. Lisa spottete zwar noch ab und zu, doch das ließ mich kalt. Ich hatte auch schon 3 Kilo abgenommen, was mich noch mehr motivierte. Draußen herrschten inzwischen Temperaturen, dass man nicht mehr ohne Winterlaufbekleidung laufen konnte. Also führte mich mein Weg wieder zu meinem Lauf-Equipment-Dealer Tobi, um für die kalten Tage gerüstet zu sein. Mit „Hallo Tobi“, begrüßte ich den blonden Modellathleten. Er lachte und rief mir zu „gut schaust aus Hans.“ „Klar“, sagte ich, „bald lauf ich Dir davon“. Tobi grinste wissend und kam zu mir herüber. „Was brauchst denn Hans?“, fragte Tobi. „Ich brauche ein paar Laufklamotten für den Winter, kannst Du mir da was empfehlen?“ „Aber klar“, sagte Tobi, „geh’ schon mal zur Umkleidekabine, ich bring Dir gleich was vorbei.“ Ich marschierte in Richtung Umkleide, suchte mir eine Kabine aus und begann mich auszuziehen. In Unterhosen Stand ich hinter dem Vorhang und streckte meinen Kopf hinaus, damit Tobi mich sehen konnte. Tobi kam zurück und warf mir einige Kleidungsstücke über die Tür. „Ich hab Dir einige Winter-Tights, zwei Unterhemden, ein paar Laufpullover und zwei Jacken in verschiedenen Größen rausgesucht.“ „Probier die Sachen mal an, damit wir Deine Größe finden.“ „OK“, sagte ich und verschwand hinter dem Vorhang. Ich nahm eine Tight vom Stapel und versuchte die schwarze Pelle anzuziehen. Ich musste mächtig ziehen, um die Hose über meine Schenkel zu bekommen. „Das ist XL“, dachte ich, die muss passen. Ich schaffte es schließlich und trat aus der Kabine um mich im Spiegel zu betrachten. Eine Kundin, die gerade an einem Wühltisch herumsuchte, sah zu mir auf und bekam einen Lachanfall. Sichtlich errötend, die Hand vor dem Mund, stürzte Sie aus dem Laden. Ich schüttelte den Kopf und blickte in den Spiegel. Jetzt wurde mir klar, was der Auslöser des Lachanfalls war. Die Tight schnürte sich um meine Hüfte, wie die Klammer zwischen zwei Knackwürsten. Mein Bauch hing über den Bund, die Beine waren in die engen Hosenbeine eingequetscht. Ich sah aus wie eine Mischung aus Hängebauchschwein und Storch. Augenblicklich verschwand ich in der Kabine, den Kopf rot vor Scham. „Die war ja wohl zu klein“, dachte ich. „Gott sei Dank, dass mich keine weiteren Kunden gesehen hatten“, dachte ich. Schnell zog ich die Hose aus und probierte XXL. Die schien zu passen. Die Tights waren innen angeraut und etwas dicker im Stoff als die Sommertight. Ich zog noch ein Funktionsunterhemd, einen Fleecepullover und eine gefütterte Laufjacke an. Tobi sagte von draußen, „und wie schaut’s aus, passen die Sachen.“ „Ja, ich hab was gefunden“, sagte ich ohne die Peinlichkeit von vorher zu erwähnen. „Zeig mal“, erwiderte Tobi. Ich trat aus der Kabine und begann schon zu schwitzen. „Ja“, sagte Tobi, schaut gut aus. „Hier ist noch eine Mütze und Handschuhe“, sagte Tobi und reichte mir die Sachen. Ich zog auch noch die Handschuhe und die Mütze an. Der Schweiß lief mir derweilen an meinem Rücken herunter. „OK, ich glaub ich nehme die Sachen“, sagte ich um mich schnell wieder ausziehen zu können. „Warte mal“, sagte Tobi, dreh dich mal um. Er schloss den Reißverschluss an meinen Fesseln. „Gut das geht auch“, murmelte er. Dann zupfte er noch an der Jacke herum und korrigierte den Sitz der Mütze. Ich schwitzte wie ein Schwein. „Ich muss jetzt raus aus den Sachen, bevor sich unter mir eine Pfütze bildet“, dachte ich. Tobi war fertig und ich konnte endlich die Klamotten wieder ausziehen. Das Funktionsunterhemd war völlig durchnässt. Ich wedelte damit in der Kabine herum, um es wieder trocken zu bekommen. Ich dachte schon an die peinliche Situation, wenn ich das Unterhemd auf den Tresen legen musste, um zu bezahlen. Das Hemd trocknete natürlich nicht so schnell, war ja klar. Mein Gesicht war rot und der Schweiß hatte meine Haare an die Stirn geklebt. Ich raffte die Auswahl an Kleidungsstücken zusammen und ging zur Kasse. Tobi fragte, „brauchst du sonst noch was?“ Ich schüttelte den Kopf, „nein das war’s“. Tobi schüttelte mir die feuchte Hand und verabschiedete sich mit einem Lächeln. Beim Weggehen sah ich Tobi die Hand an der Hose abwischen, mein Gott wo ist das Loch, in das ich jetzt gerne gesprungen wäre. Die Dame an der Kasse nahm mir die Kleidungsstücke ab und begann sie zu sortieren. Ich vermied jeden Blick in ihre Richtung. Als sie bei dem Unterhemd angekommen war, zuckte sie zurück. An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich sehen, dass sie sich ekelte. Ich wollte nur noch raus hier. Als alles in der Tüte war, sagte sie „das macht dann 389,- €.“ Mich traf fast der Schlag. Leicht zögernd gab ich ihr meine EC-Karte. „Wie soll ich das Lisa erklären“, überlegte ich. Hatte ich gerade Designer-Klamotten gekauft? Ich schluckte und fuhr sichtlich erledigt nach Hause. Wie war das doch gleich, Laufen ist ein billiger Sport?!? „Das nächste Mal kauf ich meine Laufklamotten bei Tchibo“, dachte ich. Im Briefkasten fand ich die neue „Runner’s World“, die ich seit zwei Monaten abonniert hatte. „Wenigstens ein Lichtblick“, dachte ich. Lisa empfing mich an der Haustür und zeigte auf meine Tüte. „Na, wieder bei Tobi gewesen?“, fragte sie mit einem Unterton in der Stimme, der mir ihren Unwillen signalisierte. „Ja, ich hab’ mir ein paar Winterlaufsachen gekauft“, sagte ich und wusste natürlich, wie die nächste Frage lauten würde. Doch zu meiner Verwunderung blieb die Frage aus. „Ah ja“, sagte Lisa und ging in die Küche. Erleichtert zog ich die Schuhe aus und trottete Richtung Wohnzimmer. „Was hat das den wieder gekostet?“, rief mir Lisa aus der Küche hinterher. „Nein“, durchzuckte es mich. Ich gestand den Preis, konnte Lisa aber davon überzeugen, dass es ein Ausrutscher war, der sich nicht wiederholen würde. Ich erzählte ihr von der Anprobe und Lisa bog sich vor Lachen. „Das ist mein Mann“, schmunzelte sie mich an und gab mir einen Kuss. Ich blätterte durch die „Runner’s World“, las das ein oder andere Thema und schlief ein. Ich träumte von einem Marathonlauf. So weit ist es nun schon. Am Start stand ich mit anderen Läufern in einer Reihe. Ich hatte die Startnummer 1. Wir warteten angespannt auf den Startschuss. Endlich ertönte der Knall und wir liefen los. Mit einer Geschwindigkeit, dass der Wind in meinen Haaren wehte, liefen wir über die Strecke. Ohne merkliche Anstrengung ließen wir Kilometer um Kilometer hinter uns. Schließlich lief ich, alleine an der Spitze, einem ungefährdeten Sieg entgegen. Dann einen Kilometer vor dem Ziel begann die Apokalypse. Ich sah das Zielbanner und bewegte mich nicht mehr von der Stelle. Ich zog die Geschwindigkeit an, bis meine Beine in einer aberwitzigen Abfolge von Bewegungen rotierten. Erst überholten mich einige, dann immer mehr und schließlich waren alle vorbei. Umso mehr ich versuchte schneller zu laufen, umso weniger bewegte ich mich. Ich begann zu schreien, konnte es nicht fassen. Ich ruderte mit den Armen, versuchte vorwärts zu kommen, nichts half. Der Besenwagen (für alle Nicht-Marathonis, das ist der Kleinbus, welcher bei einem Marathon die letzten Läufer auf der Strecke aufsammelt) fuhr an mir vorbei, ohne mich wahrzunehmen. Ich brüllte so laut ich konnte, bis ich eine Stimme hörte, „Hans, wach auf, Hans, wach auf.“ Lisa hatte sich über mich gebeugt und schüttelte mich an der Schulter. Völlig verwirrt sah ich sie an, bis ich begriff, dass ich geträumt hatte. Lisa sagte, „du hast geschrien und dabei wild mit den Armen gerudert. Ich setzte mich auf und kam langsam zu mir. „Was für ein Albtraum“, dachte ich. Über die Bedeutung dieses Traumes wollte ich gar nicht nachdenken. Ich sah aus dem Fenster und traute meinen Augen nicht. Es hatte begonnen zu schneien, die Wiesen und Bäume waren mit einer weißen Schicht überzogen. „Ein guter Zeitpunkt um die Laufschuhe zu schnüren“, sagte ich zu mir selbst. Samstagnachmittag gab es sonst nichts zu tun, die Kinder waren bei Freunden und Lisa widmete sich ihrem Hobby, dem Malen. „Ich geh’ laufen“, sagte ich zu Lisa. „Denk aber bitte daran, dass du die Kinder um 18:00 Uhr abholen sollst“, erwiderte Lisa. „Ja“, sagte ich, „das sind ja noch drei Stunden, da bin ich längst wieder da.“ Ich zog stolz meine neuen Winterlaufklamotten an - abgesehen von dem nassen Unterhemd - und verließ das Haus. Ich wollte meine Hausstrecke durch den Neuburger Wald laufen. Ein Druck auf den Pulsmesser und los ging’s. Langsam lief ich in das Naturschutzgebiet hinter unserem Haus und bog in den Wald ab. Die anfänglich abschüssige Strecke war ein Rundkurs von fünf Kilometern Länge. Längst kannte ich meinen Rhythmus. Ich genoss die Winterstimmung, Schnee kitzelte mein Gesicht und alle Geräusche schienen irgendwie gedämpft. Ich fühlte mich gut. Auf halber Strecke beschloss ich, heute etwas weiter und die Strecke etwas anders zu laufen. Ich bog in eine Richtung ab, wo ich bis heute noch nicht gewesen war. Lief ca. zwei Kilometer, bog dann in die Richtung ab, aus der ich vermeintlich gekommen war. Nach ca. weiteren zwei Kilometern, was ich leicht an der vergangenen Zeit überprüfen konnte, hätte ich auf meinen alten Rundkurs stoßen müssen. Wie sie wohl schon ahnen, war das nicht der Fall. Ich lief weiter und kam erneut an eine Gabelung, ich entschied mich für den rechten Weg. Inzwischen schwitzte ich schon merklich, einerseits vom Laufen, andererseits aus Panik, weil ich den Weg zurück nicht fand. Dann war auf einmal der Weg zu Ende, nur ein schmaler Pfad führte ins Unterholz. Ich blickte zurück. Sollte ich zurücklaufen? Ich konnte mich aber nicht mehr erinnern, wo ich überall abgebogen war. Ich nahm den Pfad ins Unterholz und das Schicksal nahm seinen Lauf. Die Uhr zeigte bereits eine Stunde und 15 Minuten an. Zuerst blieb ich mit meiner neuen Laufjacke an einem Ast hängen, was mir ein Drittel des Ärmels aus der Schulter riss, dann trat ich mit dem linken Fuß in ein Schlammloch und versank bis knapp über dem Knöchel darin. Mit einem Schmatzen zog ich den Fuß heraus und fluchte laut vor mich hin. Ich wühlte mich weiter durchs Unterholz, kam an eine mir völlig unbekannte Lichtung und hatte nun die Wahl zwischen allen Himmelsrichtungen, da kein Weg mehr erkennbar war. Also, was blieb mir übrig, ich setzte meinen Weg in die gleiche Richtung fort. Es wurde dunkel und mit der Dunkelheit stieg immer mehr Panik in mir auf. Bald sah ich die Hand vor Augen nicht mehr. Ein weiterer Ast hinterließ einen Kratzer auf meiner rechten Wange und zog mir die Mütze von der Rübe. Ich konnte sie nicht mehr finden. Laufen konnte ich nicht mehr, da ich kaum den Boden erkennen konnte. Dann sah ich in der Ferne Lichter und steuerte darauf zu. Als ich näher kam, erkannte ich einen Supermarkt, der ca. 5 Kilometer von unserem Wohnort entfernt lag und mir wohl bekannt war. Ich war erleichtert hüpfte aus dem Wald auf einen Feldweg, stolperte und schlug lang hin. Ich schürfte mir die Nase auf und der Schotter hinterließ ein Loch im Knie meiner neuen Laufhose. Geschunden trabte ich nach Hause. Mittlerweile war ich drei Stunden und 40 Minuten unterwegs. Als ich zuhause ankam, klingelte ich und hörte Lisa schon schimpfen. „Hans wo kommst du denn jetzt her?“ Sie riss die Tür auf und sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen. „Um Himmels willen, was ist passiert“, sagte sie entsetzt. Sabine und Martin kamen angelaufen, Lisa hatte sie inzwischen abgeholt. Ich musste ein Bild des Elends abgegeben haben. Ich sah aus wie ein Landstreicher, der seit Jahren unterwegs war und gerade eine Kneipenschlägerei hinter sich hatte. „Geht’s dir gut“, fragte Lisa und hielt sich die Hand vor den Mund. „Bin den Klitschko-Brüdern begegnet, sind frech geworden, da hab ich’s ihnen
gezeigt“, sagte ich möglichst locker. Alle fingen an zu lachen. Ich erzählte Lisa meine Leidensgeschichte. Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Die Moral von der Geschichte: Verlasse deine gewohnten Wege nicht. Die Jacke und die Hose wurden genäht, die Wunden versorgt, der Schmutz abgewaschen und ich war wieder eine Erfahrung reicher. Wie hatte ich in Steffnys Buch gelesen, „Die Sieger des Sommers werden im Winter gemacht“. Und was ist mit den Idioten des Winters?? Bis zum nächsten Mal, euer

Hans Hurtig

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