Weihnachten stand vor der Tür, ich lief durchs Haus und versuchte die Weihnachtsdekoration, nach den Wünschen meiner Frau, an die Orte ihrer Wahl zu drapieren, was gar nicht so leicht war, da Lisa ganz andere Vorstellungen hatte als ich. So stand ich nun auf einer Leiter im Treppenhaus, eine schmucke Lichterkette mit 200 Lämpchen um den Hals, Sterne aus Silberpapier im Hosenbund und Hammer und Nägel in den Hosentaschen. Ich hörte die Anweisungen von Lisa, während ich die Lichterkette in die verschiedenen Positionen halten musste und träumte von einem schönen Lauf am Nachmittag. Die Kinder tobten durchs Haus. Die Schwiegereltern waren zu Besuch und ich hatte noch diverse Aufträge zu erledigen, wie Christbaum kaufen, Geschenke für die Kinder abholen, mit den Schwiegereltern spazieren gehen - spazieren gehen – da steckt doch das Wort Gehen darin, ich wollte aber laufen. „Das wird wohl heute nichts mit dem Laufen“, dachte ich. Lisa rief, „Hans pass doch auf, die Lichterkette hängt ja ganz schief.“ „Ja, das sehe ich von hier oben doch nicht“, erwiderte ich. „Mach einfach, was ich dir sage“, sagte Lisa. Ich dachte nur, „hoffentlich sind wir bald fertig.“ Ich wollte nur weg. Plötzlich rannte Martin die Treppen hoch, Lisa schrie „pass auf Martin“, aber es war zu spät. Er hatte sich in der Lichterkette verfangen, die locker an meinem Hals herunterhing, er stolperte und riss daran. Von einem lauten Würgegeräusch begleitet, da sich die Kette um meinen Hals zusammenzog, kippte ich nach hinten. Instinktiv griff ich nach dem Strahler an der Wand um mich festzuhalten. Ich riss ihn samt Halterung aus der Wand und sprang von der Leiter, in der Hoffnung irgendwo Halt zu finden. Ich landete auf dem Hosenboden, den Strahler noch fest in der Hand und ratterte, auf dem Steißbein, die Treppen hinunter, während sich einer meiner Füße im Geländer verhakte. Ich wurde herumgerissen, schlug mit dem Kopf gegen die Wand und hing nun mit dem Kopf nach unten im Treppengeländer. Martin war auf der obersten Treppenstufe zum Liegen gekommen ohne sich zu verletzen. Lisa rannte nach oben und ließ mich hängen, wie einen Schluck Wasser in der Kurve. Sie hob Martin auf, stellte fest, dass ihm nichts fehlte und sah nach unten, wo ich immer noch hing und versuchte mich hochzuziehen. Lisa kam wieder herunter gestürmt und half mir hoch. An meinem Hinterkopf fühlte ich ein Horn wachsen, das schon, durch das mir noch verbliebene Haar schaute und an dessen Spitze Blut herunter lief. Mein Steißbein fühlte sich an, wie eine matschige Kartoffel und mein rechtes Knie schmerzte. Die Schwiegereltern kamen angelaufen und gaben kluge Ratschläge. Die Angst vor den Verletzungen war weit nicht so groß, wie die, vor den Hausmitteln meiner Schwiegermutter. Sie wollte mir augenblicklich ein Schnitzel auf die Beule legen, gut, dass wir keines im Haus hatten. So sagte ich schnell, ist nicht so schlimm und humpelte ins Bad. Ich beugte mein Bein einige Male, während ich mit einem Stück Toilettenpapier das Blut von meiner Beule wischte. Das Bein schien nicht so schlimm zu sein. „Gott sei Dank“, dachte ich. Alles durfte ich mir verletzen, nur nicht die Beine, sonst wäre es vorbei mit Laufen. Gerade jetzt, wo ich so gut im Training war und schon gut 45 Minuten am Stück laufen konnte. Lisa kam herein und fragte, wie es mir geht. „Alles OK“, sagte ich, „nur ein bisschen Kopfschmerzen und das Steißbein tut mir weh.“ Lisa lachte erleichtert und klebte mir ein Pflaster auf die Beule. Sah sehr apart aus. Jetzt musste ich auch noch einen neuen Strahler kaufen, da der herausgerissene nicht mehr zu gebrauchen war. Trotzdem war ich froh, dass es noch mal so glimpflich ausgegangen war. Am Nachmittag erledigte ich alle Besorgungen, die noch ausstanden, montierte den neuen Strahler und die Lichterkette bekam auch noch ihren Platz. Mein Freund Harald rief an und fragte, ob ich mit ihm noch eine Runde laufen würde. Aber für heute hatte ich wirklich genug, mein Kopf brummte, mein Steißbein schmerzte, so verschoben wir den Lauf auf den nächsten Morgen. Ich schlief nicht besonders gut, da mir die Ereignisse des Tages noch in den Knochen steckte. Trotzdem wollte ich am Morgen mit Harald laufen gehen. Ich stand gegen 8:00 Uhr auf, zog meine Laufklamotten an, setzte mir eine Mütze auf - da sah man die Beule nicht – und wartete auf Harald, der mich mit dem Auto abholte. Wir fuhren ein Stück, zum örtlichen Trimm Dich Pfad, dehnten uns etwas und liefen gemütlich los. Nach wenigen Metern machte sich mein Knie bemerkbar. Erst ein leichtes Ziehen, dann ein merklicher Schmerz. Ich biss die Zähne zusammen und lief weiter. Schließlich musste ich stehen bleiben. „Was ist los fragte Harald.“ Ich erzählte ihm die Geschichte vom Vortag. Mein Knie hatte also doch etwas davontragen. So konnte ich jedenfalls nicht weiterlaufen. Insgeheim fluchte ich und konnte es nicht glauben. „Hoffentlich ist es nichts Schlimmes“, dachte ich. Ich ging langsam zum Parkplatz zurück und wartete auf Harald, der seine Runde zu Ende lief. Ich hatte ihn gebeten seine Runde zu Ende zu laufen. Es war nicht sehr kalt und so war das Warten kein Problem. Ich fummelte an meinem Knie herum, als mich eine Stimme aus meinen Gedanken riss. „Entschuldigung können Sie mir sagen, wo es zum Bahnhof geht.“ Ich blickte auf und sah eine junge Frau vor mir stehen, die mir erwartungsvoll in die Augen schaute. Sie war sehr hübsch, hatte einen engen Laufdress an und sehr weibliche Kurven. Ich glotzte sie an und gab keinen Mucks von mir. Sie grinste und wiederholte ihre Frage. Ich fasste mich. „Klar“, sagte ich, „zum Bahnhof, Moment, einfach die Straße runter, dann am Ende rechts, Nein links, dann nach…“, ich brach ab, da ich selbst den Weg nicht mehr wusste, bzw. Probleme hatte meine Gedanken zu ordnen. Ich überlegte einen Augenblick, die Frau grinste immer noch. Dann sagte ich, „mein Freund“, ich korrigierte mich, „mein Bekannter“ - nicht, dass sie denkt, ich wäre schwul – kommt gleich, wir können sie bestimmt bis zum Bahnhof mitnehmen. „Das wäre toll“, sagte die Frau und streckte mir die Hand entgegen, „ich bin Monika.“ „Hans, ich heiße Hans“, sagte ich mit belegter Stimme. „Laufen sie öfter“, fragte Monika. „Ja schon ziemlich lange“, schwindelte ich. „Ich hab’ erst vor zwei Monaten angefangen“, sagte Monika, macht mir aber sehr viel Spaß. „Woher kommen sie denn“, fragte ich. „Ich wohne in Frankfurt und besuche hier eine Freundin.“ „Leider habe ich mich ein bisschen verbummelt und komme wohl zu spät zu unserem Treffpunkt.“ „Ich habe ein Handy im Auto, sie können anrufen“, sagte ich. „Danke, sehr nett“, erwiderte Monika. „Wir müssen nur auf meinen Freu…, Bekannten warten, er hat den Schlüssel“, sagte ich. „Er ist aber gleich da.“ Sie nickte. Nach einiger Zeit kam Harald aus dem Wald gelaufen. Ich stellte die Beiden vor, erklärte was los war und wir fuhren zum Bahnhof, während Monika telefonierte. „Du benimmst dich wie ein Teenager“, dachte ich. Als wir da waren, verabschiedete sich Monika und bedankte sich nochmals. Sie verschwand im Bahnhofsgebäude. Ich sah ihr nach und Harald sagte, „was für ein Fahrgestell.“ Ich nickte. Dass ich Monika unter ganz anderen Umständen wieder sehen würde wusste ich noch nicht. Dazu aber mehr in einer anderen Episode. Harald fuhr mich nachhause. Ich erzählte Lisa von meinem Knie und wie wir Monika zum Bahnhof gefahren hatten. Lisa sagte, „das war aber sehr nett von euch“, mit einem Unterton in der Stimme, den ich nur zu gut kannte. Ich ging nicht weiter darauf ein. Ich schnappte mir das Telefonbuch und suchte nach einem Orthopäden, hatte ich bis heute nicht gebraucht. Ich fand einen Sportorthopäden, der ganz in der Nähe war. Ich rief an und erzählte meine Geschichte. Ich konnte gleich vorbeikommen. Ich duschte und beim Abtrocknen fiel mir auf, dass mein Knie dick wie eine Melone war. Lisa fuhr mich zum Arzt. Ich stellte mich vor, gab meine Versicherungskarte ab und wurde ins Wartezimmer zitiert. Nach einer Weile wurde ich in das Behandlungszimmer gerufen. Ich dachte, „das ging ja schnell, kaum 10 Minuten da und ich werde schon behandelt.“ Doch wie immer, sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben, da saß ich nun 40 Minuten, ohne einen Arzt zu sehen. Endlich kam ein ausgemergelter, dünner Bursche durch die Tür und stellte sich als Dr. Reinhard vor. Ich gab ihm die Hand und sagte, „Hurtig“ und wollte noch, was man von ihnen nicht behaupten kann, hinterherschicken, ließ es aber, um nicht gleich einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Er fragte, „was kann ich für sie tun.“ „Ich hab mir gestern das Knie verdreht“, antwortete ich. Er bat mich die Hose auszuziehen. Er rollte mit seinem Stuhl zu mir herüber und betastete mein Knie. Er brabbelte etwas wie, Gewebewasser, Knorpel- oder Bandverletzung. Schließlich blickte er zu mir auf und sagte, „das müssen wir erst einmal punktieren.“ Ich als medizinischer Laie hatte keine Ahnung was das bedeutet und nickte zustimmend. Er stand auf und bat mich in das Nebenzimmer. Dort angekommen deutete er auf meinen Kopf und sagte, „ist das auch frisch?“ Erst wusste ich nicht was er meinte und schaute nur fragend. Dann viel mir die Beule ein und erwiderte, „ja steht in direktem Zusammenhang.“ Er schmunzelte und sagte, „ziemliches Horn.“ Ich dachte nur „sehr witzig du Spargel, hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut.“ „Du könntest Werbung machen für „Brot für die Welt.““ Das ich es nicht so mit Ärzten habe merkt man mir vielleicht an, oder? Er zeigte auf eine Liege und sagte, „legen sie sich bitte auf die Liege.“ Ich legte mich hin und wartete. Er suchte ein paar Utensilien zusammen und legte sie auf ein Tablett neben die Liege. Ich sah eine monströse Spritze auf dem Tablett liegen und wurde sofort leichenblass. Spritzen waren für mich der Horror. Ich fragte mit zitternder Stimme, „was genau ist Punktieren?“ „Ich ziehe das Gewebewasser aus dem Knie“, sagte Doktor Frankenstein. Ich antwortete nicht. Mir wurde flau. Doktor Frankenstein nahm ein Desinfektionsspray und sprühte mir das Knie ein. Er nahm die Spritze in die Hand und setze eine Kanüle auf, die eher an Walfischnarkose als an normale Spritze erinnerte. Mir schwanden die Sinne. Ich legte mich zurück, um nicht völlig die Besinnung zu verlieren. Doktor Frankenstein fragte, „alles in Ordnung?“ „Nichts ist in Ordnung, du Pferdemetzger, wollte ich los schimpfen“, beließ es aber bei einem, „ja geht schon.“ „Es ist nicht sehr schmerzhaft“, sagte Frankenstein und setzte die Kanüle an mein Knie. Er stach zu und ich übergab mich auf die sauber hindrapierten Instrumente. Doktor Frankenstein rief nach der Schwester, ohne auch nur daran zu denken das Ofenrohr aus meinem Knie zu ziehen. Die Schwester kam angelaufen und sah die Bescherung (passt irgendwie zu Weihnachten). Sie holte ein paar Tücher und gab mir eines um meinen Mund abzuwischen. Die Schwester beseitigte die Reste meines Frühstücks, hielt dann meine Hand, da sie mir wohl ansah, wie es mir ging. Mir war das unendlich peinlich und ich wünschte mir wieder mal das Loch zum Versinken. Doktor Frankenstein bohrte weiter in meinem Knie, um Flüssigkeit abzupumpen. Ich wunderte mich, dass er nicht eine halb Zoll Gartenpumpe an die Kanüle anschlossen hatte, groß genug wäre sie gewesen. Als er fertig war, zog er die Pumpe aus meinem Knie und sagte, „tut mir leid Herr Hurtig, aber das musste sein.“ Die Schwester klebte mir ein Pflaster auf die Stelle und gebot mir, mich wieder anzuziehen. Ich bekam einen Termin für eine MRT (Magnetresonanztomografie). Der Doc erklärte mir, dass ein Gelenkserguss vorliegt, der von einer Knorpelverletzung, einem Meniskuseinriss, oder einer Bandverletzung herrühren kann und deshalb eine genaue Diagnose durch eine Magnetresonanztomografie nötig wäre. Ich bedankte mich brav und hätte ihm am liebsten einen seiner dürren Arme gebrochen. Ich rief Lisa an, um abgeholt zu werden. Auf der Fahrt nach Hause berichtete ich meine Leidensgeschichte. Ich sah Lisa an, wie sie sich ein paar Mal das Lachen verbeißen musste. Als ich an der Stelle angekommen war, wo ich mich übergeben musste, prustete sie los und konnte sich nicht mehr halten vor Lachen. Ich musste jetzt auch lachen und so hielten wir uns die Bäuche, bis wir angekommen waren. Die Magnetresonanztomografie am nächsten Tag ergab einen Meniskuseinriss, der aber nicht sehr schlimm war. Nach 10 Tagen war ich wieder auf der Piste. Die Verletzungen waren alle verheilt, Weihnachten vorbei und ich fieberte dem neuen Trainingsjahr entgegen.

Whatever Will Be Que Sera, Sera…

 

Bis zum nächsten mal euer Hans Hurtig

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