Ich lief auf meiner Standardrunde. Fünf Kilometer in gleichmäßigem Tempo konnte ich mittlerweile ohne Gehpause laufen. Der Weg war mir aus vielen Läufen vertraut. Ich bog, kurz nach dem ich das Haus verlassen hatte, ins Naturschutzgebiet ab, lief in den Wald an einem kleinen Bach vorbei, hinauf zu einer Lichtung. Ab da ging es leicht bergab, bis zu einer Pferde-Koppel. Im Wechsel der Jahreszeiten sieht die Landschaft rundweg anders aus. Jetzt im Frühjahr duftet es nach beginnendem Leben, erste Pflanzen strecken Ihre Hälse durch das tote Laub, es riecht nach frisch geschlagenem Holz. Der Boden ist weich, ideal zum Laufen. Man kann erahnen, wie das Grün die Oberhand gewinnen wird und das Leben den Tod ablösen wird. Die Luft ist wieder lau, erste Vögel zwitschern in den Bäumen, es hört sich nach Aufbruch an. Die Menschen zeigen wieder Farbe. Der Sommer trägt leben in den Wald, tausend Geräusche von Tieren, Kindern und Wanderern machen den Wald zu einem Ort der Begegnung. Jogger grüßen sich (oder auch nicht, manche können sich nicht mal ein Lächeln abringen), Mountainbiker strampeln vorbei, Hunde toben und so manches Liebespaar sitzt auf den Bänken, losgelöst von Zeit und Raum und nur in sich selbst versunken. Die Sonne wärmt die Glieder und lässt alle Mühsal vergessen, Leichtigkeit verführt zum Überschwang. Der Herbst schleicht sich leise und unbemerkt in den Wald. Blätter färben sich und komponieren ein Spiel der Farben, wie es nur zu dieser Jahreszeit zu betrachten ist. Langsam beugt sich das Leben vor dem Tod, ein letztes Aufbäumen, bevor sich der kalte Mantel des Winters über die Landschaft legt. Man sieht wie die Tiere ihre Vorräte anlegen und die Bauern ihre Ernte einfahren. Noch wärmt die Sonne meine Haut und doch spürt man die Kühle schon. Morgens zieht der Nebel wie Rauch durch den Wald und der Tau malt bizarre Gebilde ins Gras. Die letzten Schritte sind gemacht. Im Winter, Schnee vorausgesetzt, ruht der Wald ganz sanft, jedes Geräusch stört die seltene Ruhe. Nur das gleichmäßige sch, sch, sch des Laufschrittes durchbricht die Stille. Alles fühlt sich an, wie von Watte. Eis lässt den Bach zum Standbild werden. Das Leben verharrt in Regungslosigkeit, Zeit um die Gedanken wieder leiser und friedfertiger werden zu lassen. Klarheit zu fühlen, die Vergänglichkeit zu begreifen und etwas Demut zu spüren, einfach nachdenklich zu werden. „Auch das ist Laufen“, dachte ich so bei mir. Man muss ab und zu stehen bleiben, um laufen zu können. Ich zog weiter meine Runde, der Puls lag bei 140 Schlägen, der Atem war gleichmäßig und ich schwitze, weil ich mal wieder viel zu warm angezogen war. Es hatte schon 15 Grad und ich hatte meine Wintertight an, ein Termo-Unterhemd und eine mit Fleece gefütterte Laufjacke. Mütze und Handschuhe verstanden sich von selbst. Ich brauchte in der Regel um die 40 Minuten für meine Runde. Heute wollte ich es in 35 Minuten schaffen, was mir sichtlich schwer viel. Dennoch hatte ich den Ehrgeiz das durchzuhalten. Schließlich kam ich nach knapp 37 Minuten zuhause an und war zufrieden. Martin spielte im Hof und kam angelaufen, als er mich sah. „Papa du bist ja ganz verschwitzt“, bemerkte Martin. Ich lächelte und sagte, „klar ich war laufen Martin.“ Ich ging ins Haus. Lisa kam mir entgegen und rümpfte die Nase, „du riechst wie ein Ziegenbock Hans.“ „Klar ich hab geschwitzt“, sagte ich. „Ja schon, aber das ist ja ein widerlicher Geruch“, erwiderte Lisa. „Das sind die Funktionsklamotten, die riechen halt etwas strenger als Baumwolle.“ Ich verschwand schnell im Badezimmer und legte die verschwitzte Kleidung ab. Die Jacke kam an den Haken im Badezimmer, die konnte man noch mal anziehen, die Tight auch, die Unterwäsche und das Shirt kamen in die Wäsche. Hallo, ich heiße Lisa und bin die Frau von Hans und wende mich hiermit an alle leidgeplagten Ehefrauen und Mitbewohner von Läufern. Wussten sie eigentlich, dass der gemeine Läufer bei seiner Kleidung verschiedene Kategorien unterscheidet? Die da wären: Frisch, das heißt aus dem Kleiderschrank, oder nur auf einem kurzen Läufchen getragen. Ich kann ihnen sagen das mit dem kurzen Läufchen verwandelt das Laufshirt in ein hochgradig kontaminiertes Kleidungsstück, das Frau niemals mehr tragen würde. Nächste Stufe geht noch. Mit „geht noch“ bezeichnet Hans Laufklamotten, die er maximal zweimal angehabt hat, was bedeutet, dass man hier schon an Sondermüll denken müsste. Diese Stufe von Laufkleidung riecht wie ein ausgewachsener Ziegenbock während der Paarungszeit. Sie dachten das war’s, weit gefehlt, es gibt noch eine Stufe und diese ist so widerwärtig, dass es mir schon schwerfällt, nur darüber zu sprechen. Diese Stufe nennt Hans „einmal noch“ und macht vorher einen Geruchstest. Ein ausgewachsener Grizzlybär würde auf der Stelle tot umfallen. Hans verzieht nicht mal eine Miene und zieht das Teil dann an. Anschließend schmeißt er es in die Wäsche. Ich achte streng darauf, dass bei Kleidungsstücken der Kategorie „einmal noch“ nichts anderes im Wäschekorb liegt, was man dann ebenfalls entsorgen müsste. Ich trage das Zeug dann mit Nasenklammer und Gummihandschuhen in die Waschküche und stecke es unverzüglich in die Waschmaschine, um das Raumklima nicht zu gefährden. Alles nicht so schlimm denken sie. Es kommt noch besser, denn die Kleidungsstücke der Kategorien „geht noch“ und „einmal noch“ hängen an diversen Orten in unserem Haus und verbreiten das Ambiente eines Ziegenstalls. Wenn sich Besuch ankündigt, laufe ich tagelang mit Raumspray durch die Gegend, um mich nicht zu blamieren. Als das letzte Mal meine Turndamen zum Kaffee da waren, fragte mich Simone, ob unser Kater irgendwo eine tote Maus versteckt hat. Ich wurde knallrot und erwiderte, dass ich sie schon entfernt hätte, dass mit dem Geruch aber ein bisschen dauert. Liebe Läufer und die, die welche werden wollen, auch wenn ihr den Planeten durch geringeren Waschmittelverbrauch retten wollt, wascht eure Laufkleidung nach jedem Lauf, was Geruchsbelästigung genug ist. Auch in Anbetracht einer erotischen Ausstrahlung ist das dem weiblichen Geschlecht gegenüber durchaus zuträglich. Nun noch viel Spaß beim Laufen eure Lisa. Lisa kam ins Badezimmer und sah, dass ich meine Laufjacke und meine Laufhose an den Haken gehängt hatte und sagte, „ich wasch das gleich mit Hans, damit ich die Trommel voll bekomme.“ „Muss noch nicht gewaschen werden“, erwiderte ich. „Doch“ sagte Lisa energisch, schnappte sich die Kleidung und verschwand. „Sind Frauen empfindlich“, dachte ich bei mir. Hatte Lisa gerade Gummihandschuhe an? Ich verwarf den absurden Gedanken und konzentrierte mich auf meinen nächsten Trainingslauf, während ich duschte.

Euer Hans Hurtig

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