Es war ein Samstagmorgen im Hochsommer. Jetzt, Ende Juli ist es leicht, das Training in den Tagesablauf einzuplanen. Morgens ab 4:00 Uhr hell, am Abend bis 21:30 hell. Wunderbar dachte ich, ich kann laufen, wann ich will, vorausgesetzt Lisa und die Kinder lassen mich. Um 14:00 Uhr habe ich mit meinem sporadischen Trainingspartner Harald einen Trainingslauf von ca. 45 Min. vereinbart. Mittlerweile hatte ich gut 8 Kilo abgenommen und das Laufen viel mir immer leichter. Allerdings hatte ich für die 8 Kilo fast ein Jahr gebraucht. Ich mache also irgendetwas falsch, dachte ich. Ich wollte wieder auf mein altes Kampfgewicht von 74 Kilo kommen, was bedeutete, dass ich noch mal 16 Kilo loswerden musste und das sollte wesentlich schneller gehen. Nun gibt es ja diverse Literatur über Diäten, Gewichts- und Figur-Management, Abnehmen ohne Frust, Diät ohne Jo-Jo-Effekt, usw. Also zog ich wieder einmal los um ein Buch zu kaufen, das mir beim Abnehmen helfen sollte, da ich offensichtlich Fehler machte und trotz Lauftraining nur sehr langsam abnahm. Ich fuhr in die Stadt und ging zu dem größten Buchhändler, den es vor Ort gab. Ich betrat den Verkaufsraum und ließ den Blick über die Beschriftungen der Regale wandern. Auf einem der Regale stand Ernährung. Ich ging hinüber und begann die Titel zu studieren. Es gab zahlreiche Bücher über diverse Arten von Diäten, die Kohlehydratdiät, die Eiweißdiät, die Obstdiät, Trennkost, Rohkost, usw. Wer zum Teufel sollte sich hier zurechtfinden. Ich musste wohl so hilflos ausgesehen haben, dass sich ein Verkäufer erbarmte und fragte, „kann ich ihnen helfen.“ Ich zuckte zusammen, da ich ihn – vertieft in die Buchrücken – nicht kommen gesehen hatte. Ich zog reflexartig den Bauch ein und sagte, „ich möchte ein wenig abnehmen und suche ein gutes Buch über Sportdiät.“ Der Verkäufer blickte an mir hinunter und sagte dann, „welche Sportart betreiben Sie den?“ „Ich bin Läufer“, antwortete ich. Ich meinte einen Anflug von Grinsen, in seinem Gesicht zu erkennen. Er bemühte sich aber sachlich zu bleiben und griff ins Regal und holte drei Bücher heraus. „Diese Titel werden sehr viel gekauft“, sagte er und drückte mir eines in die Hand. „Das Buch ist von einem renommierten Ernährungswissenschaftler und befasst sich mit Sporternährung für Ausdauersportler.“ Das Wort Ausdauersportler betonte er so, als würde er keinen der Anwesenden damit in Verbindung bringen. Das zweite Buch hielt er mir unter die Nase und sagte, „dieses Buch behandelt eine spezielle Insulintrennkost und ist von Dr. Pape.“ Der Titel des Buches war, „Schlank im Schlaf“. Jetzt fühlte ich mich schon etwas gekränkt, außerdem wurde mir das Baucheinziehen langsam unangenehm. „Und das Dritte“, sagte ich und nahm es ihm aus der Hand. „Das ist die Strunzdiät, von Dr. Ulrich Strunz dem Laufpapst“, entrang er sich lustlos. Das Wort Laufpapst ließ mich aufhorchen. Ich legte augenblicklich die anderen Bücher zur Seite, sagte „danke ich komme jetzt alleine klar“, verdrückte mich in eine Leseecke und ließ den Verkäufer am Regal stehen. Ich entspannte meinen Bauch und nahm Platz. Der Verkäufer warf mir noch einen verächtlichen Blick zu und machte sich vom Acker. Ich las den Klappentext und blätterte die ersten Seiten durch. Das Buch schien nicht schlecht zu sein, vor allem, weil dieser Ulrich Strunz wohl Ahnung vom Laufen hatte, dass konnte man schon der Einleitung entnehmen. Etwas befremdend sah allerdings das Foto von Strunz aus. Man hatte den Eindruck er ist unter der Höhensonne eingeschlafen und verwendet Bleichmittel für seine Zähne. Aber was soll’s, dachte ich mir, wenn ich mit dem Buch abnehme, ist mir alles Recht. Ich zahlte das gute Stück, was mir ein weiteres hämisches Grinsen des Verkäufers einbrachte. Ich riss mich zusammen, sparte mir jeglichen Kommentar und verließ die Buchhandlung. Ich fuhr nach Hause, zog meine Laufklamotten an und kurze Zeit später klingelte Harald schon an der Tür. Ich begrüßte ihn und wir liefen ohne Worte los. Nach einer Weile erzählte ich Harald von meinem Ausflug in die Buchhandlung und dem Buch von Ulrich Strunz. Als ich den Namen erwähnte, hakte Harald sofort ein und fing an mir die Philosophie von Guru Strunz zu erläutern, der Harald wohl kein Unbekannter war. Nach etwa einer halben Stunde kannte ich die gesamte Lebensgeschichte von Herrn Strunz. Am Himmel zogen dunkle Wolken auf und ich deutete Harald umzukehren, um nicht in ein Unwetter zu geraten. Wir machten kehrt und liefen zurück. Plötzlich donnerte es und fing augenblicklich an zu schütten wie aus Eimern. Schnell suchten wir unter ein paar Bäumen Schutz und hofften auf ein schnelles Ende des Regens. Es fing an zu stürmen und die Äste über uns bogen sich bedrohlich in alle Richtungen, was uns veranlasste, unseren Unterstand zu verlassen und im strömenden Regen, mit Gegenwind nach Hause zu laufen. Nach einer Minute waren wir nass bis auf die Haut. Der Waldweg verwandelte sich in eine Schlammrutschbahn. Harald stolperte vor mir her und rang verzweifelt um Halt. Auch ich hatte Mühe mich auf dem rutschigen Untergrund auf den Beinen zu halten. Dann brach ein wahrer Albtraum los. Der Sturm nahm Orkanstärke an und es begannen Astteile, Laub und sonstiges Kleinzeug durch die Luft zu wirbeln. Es wurde stockfinster und die Sicht war gleich null. Harald lief mit gesenktem Kopf, um sich vor den herumfliegenden Dingen zu schützen und übersah einen Ast, der wohl kurz vorher abgebrochen war und nun quer über dem Weg lag. Er schlug lang hin und aus dem Augenwinkel sah ich etwas wegfliegen. Ich packte Harald am Arm und zog ihn hoch. Er schüttelte sich und sagte, „nix passiert, mir geht’s gut.“ Er lachte mich an und da sah ich, was gerade weggeflogen war, Harald fehlte ein Schneidezahn. Ich deutete auf seinen Mund und sagte, „ich glaube du hast da was verloren.“ Harald steckte die Zunge durch die Lücke und machte ein entsetztes Gesicht. „Das war meine neue Krone, die habe ich erst letzte Woche eingesetzt bekommen“, sagte er und ich konnte jetzt deutlich hören, wie er lispelte. Ich musste lachen. Er sah mich böse an und begann auf dem Boden herumzukriechen, um seine Krone zu suchen. Ich half ihm, aber bei der schlechten Sicht und dem anhaltenden Sturm war es schier unmöglich, die Krone zu finden. Wir mussten ein obskures Bild abgeben haben. Zwei Typen in Laufklamotten kriechen bei strömendem Regen, Sturm und schlammbedecktem Weg auf dem Waldboden herum und gruben mit den Händen im Dreck. Doch dann passierte das Unmögliche, Harald schrie, „ich hab sie gefunden“ und hielt die Krone in der Hand. Er steckte sie in die Schlüsseltasche seiner Laufshort und wir machten uns schleunigst auf den Heimweg. Wir sahen aus wie die Ferkel. Von oben bis unten voll Dreck und nass bis auf die Haut. Glücklicherweise hatte das Unwetter etwas nachgelassen und wir gelangten ungeschoren nach Hause. Ich gab Harald ein Handtuch, damit er sich abtrocknen konnte. In der Zwischenzeit hatte es aufgehört zu regnen, Harald verabschiedete sich, ohne den Mund zu öffnen und ging. Ich duschte erst einmal und machte mich dann über mein neues Buch her. Nachdem ich die ersten Kapitel gelesen hatte, war mir klar, um was es Guru Strunz ging. Der Schwerpunkt seiner Diät lag auf Eiweiß. Mehr Eiweiß, Obst und Gemüse essen und dafür weniger tierische Fette und weniger Kohlehydrate. Klingt logisch dachte ich und wahr sofort überzeugt, dass diese Diät genau das Richtige für mich war. Ich ging in die Küche, wo Lisa stand und das Abendessen zubereitete. In der Pfanne schwammen vier Apfelkücherl (für die Nichtbayern unter Ihnen, Apfelkücherl sind Apfelscheiben, die man in einer Art Pfannkuchen-Teig wälzt und dann in Butter schwimmend bäckt). Ich sagte, „Schatz, das kann ich leider nicht essen.“ Lisa schaute mich verwundert an und erwiderte, „das ist dein Lieblingsessen, du isst sonst mindestens 15 Stück davon.“ „Tatsächlich“, sagte ich und überlegte. 15 Stück, das sind ja mindestens 1000 Kalorien. Jetzt wurde mir klar, warum ich fast ein Jahr für 8 Kilo gebraucht habe. Das musste sich ändern. „Ich bin ab heute auf Diät“, sagte ich kurz und ging zum Kühlschrank. Leider konnte ich auch hier keine adäquate Nahrung für mich finden. Lisa schüttelte nur den Kopf und grinste, was ich dadurch zu ignorieren versuchte, dass ich sagte, „ich fahr schnell rüber ins Kaufland, ich muss noch was einkaufen.“ Lisa nickte wissend und wusste, dass man einen in Enthusiasmus verfallenen Mann - Läufer - nicht von seinen Vorhaben, was auch immer diese waren, abringen kann. Das legt sich von alleine wieder, dachte sie und machte weiter mit dem Abendessen, denn die Kinder waren ganz heiß auf Apfelkücherl. Sie will mich mästen, damit ich auf andere Frauen unattraktiv wirke, dachte ich. Aber Hans, der Stählerne, ist auf dem Weg zurück zu den Wurzeln. Ich stellte mir vor, wie ich muskelbepackt, schlank, topfit und sonnengebräunt am Baggersee liege. Jedes Mal wenn ich zum Wasser gehe, höre ich die Leute flüstern, wie super ich aussehe. Die Frauen verdrehen die Augen nach mir. Ich zwinkere den Schönsten zu. Plötzlich riss mich ein lautes Hupen aus meinem Tagtraum. Ich stand an einer grünen Ampel und hatte vor lauter Träumerei vergessen loszufahren. Ich machte eine kurze Handbewegung zu meinem Hintermann und fuhr los. Ich hatte mir aus dem Buch von Guru Strunz abgeschrieben, was man für einen Fatburning-Tag alles brauchte. Viel Eiweiß in Form von magerem Fleisch, Fisch, Eiweiß (aber nur das Weiße), Buttermilch, Kefir, körnigem Frischkäse, fettarmen Joghurt, usw. Dann Obst, Gemüse, Salat und gutes Fett in Form von Olivenöl, Rapsöl, Leinsamenöl und Walnussöl. Stilles Wasser in rauen Mengen. Ich kaufte alles. Zuhause angekommen räumte ich ein Fach im Kühlschrank leer und schrieb mit White-Board-Marker „Finger weg, Hans“ darauf. Lisa und die Kinder waren gerade im Wohnzimmer, ich musste also gerade nicht mit Häme rechnen. Ich schnappte mir einen körnigen Frischkäse, schnitt mir eine Paprika in Streifen, machte ich mir einen Eisbergsalat mit zwei Teelöffel Olivenöl und fing an zu essen. Ich war glücklich. Nach dem Essen stellte ich fest, dass ich nicht nur glücklich war, sondern immer noch verdammt hungrig. Ich begann zu ahnen, was auf mich zukam. Ich schob den Gedanken weg und ging ins Wohnzimmer. Lisa und die Kinder sahen fern. Lisa fragte mich, „und, was hast du gegessen?“ Ich erläuterte Lisa meinen Speiseplan für die nächsten Monate. Lisa sagte nur, „ah ja.“ Ich ging hungrig ins Bett und wachte hungrig wieder auf. Sofort sah ich auf meiner Fatburning-Anweisung nach, was man zum Frühstück essen darf. Ich musste aber zuerst einen viertel Liter Wasser trinken und laufen gehen. Also trank ich mein Wasser und lief 40 Minuten. Danach gab es zwei Eier, aber nur das Eiweiß und einen fettarmen Joghurt. Nach dem Duschen, 30 Minuten später gab es noch einen kleinen Obstsalat. Vormittags Gemüsestreifen, einen Apfel und Tomatensaft. Alle vier Stunden Eiweiß in Form von Frischkäse, Buttermilch, Kefir, usw. mittags wieder Gemüse, Obst und Eiweiß. Am Abend Salat und Eiweiß. So ging das einige Tage. Eines Morgens stand ich nach meinem Lauf vor dem Kühlschrank und wollte meinen fettarmen Joghurt herausholen und da war sie, die materialisierte Verführung. Im Kühlschrank stand ein Teller mit gebratenen, panierten Schnitzeln und ein Topf mit Bratkartoffeln vom Vortag. Ich stand bestimmt 5 Minuten da und starrte auf die Schnitzel. Das Wasser lief mir im Mund zusammen. Ich haderte mit meinem Schicksal. Gedanken wie, einmal sündigen geht schon und werde jetzt bloß nicht schwach, schossen mir durch den Kopf. Hätte mich jemand stehen sehen, mit diesem verklärten Blick, die Kühlschranktür in der Hand, sie hätten den Notarzt gerufen. Nach einer endlos scheinenden Zeit nahm ich den Teller und den Topf aus dem Kühlschrank, legte zwei große Schnitzel und einen riesen Haufen Bratkartoffeln auf einen Teller und stellte ihn wie in Trance in die Mikrowelle. Als der Ping ertönte, nahm ich den Teller aus der Mikrowelle und aß ihn bis auf den letzten Krümel leer, es war ein Genuss und ich war satt. Nach Tagen war ich wieder einmal satt. Dann kam der Einbruch. Ich schämte mich meiner Schwäche und wollte weitere Rückfälle auf jeden Fall vermeiden. Dass es nicht geklappt hat, könnt Ihr euch wohl denken. Den Spott, welchen ich geerntet habe, brauche ich nicht zu beschreiben. So lockerte ich nach einigen Wochen die Strenge der Diät, achtete aber weiter darauf nicht zu viel zu essen. Mittlerweile habe ich weitere drei Kilo abgenommen. Tja liebe Leute, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist einfach zu lecker ... ;-)

P.S. Bis zum nächsten Mal, euer Hans Hurtig

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