Weihnachten stand vor der Tür, ich lief durchs Haus und versuchte die Weihnachtsdekoration, nach den Wünschen meiner Frau, an die Orte ihrer Wahl zu drapieren, was gar nicht so leicht war, da Lisa ganz andere Vorstellungen hatte als ich. So stand ich nun auf einer Leiter im Treppenhaus, eine schmucke Lichterkette mit 200 Lämpchen um den Hals, Sterne aus Silberpapier im Hosenbund und Hammer und Nägel in den Hosentaschen. Ich hörte die Anweisungen von Lisa, während ich die Lichterkette in die verschiedenen Positionen halten musste und träumte von einem schönen Lauf am Nachmittag. Die Kinder tobten durchs Haus. Die Schwiegereltern waren zu Besuch und ich hatte noch diverse Aufträge zu erledigen, wie Christbaum kaufen, Geschenke für die Kinder abholen, mit den Schwiegereltern spazieren gehen - spazieren gehen – da steckt doch das Wort Gehen darin, ich wollte aber laufen. „Das wird wohl heute nichts mit dem Laufen“, dachte ich. Lisa rief, „Hans pass doch auf, die Lichterkette hängt ja ganz schief.“ „Ja, das sehe ich von hier oben doch nicht“, erwiderte ich. „Mach einfach, was ich dir sage“, sagte Lisa. Ich dachte nur, „hoffentlich sind wir bald fertig.“ Ich wollte nur weg. Plötzlich rannte Martin die Treppen hoch, Lisa schrie „pass auf Martin“, aber es war zu spät. Er hatte sich in der Lichterkette verfangen, die locker an meinem Hals herunterhing, er stolperte und riss daran. Von einem lauten Würgegeräusch begleitet, da sich die Kette um meinen Hals zusammenzog, kippte ich nach hinten. Instinktiv griff ich nach dem Strahler an der Wand um mich festzuhalten. Ich riss ihn samt Halterung aus der Wand und sprang von der Leiter, in der Hoffnung irgendwo Halt zu finden. Ich landete auf dem Hosenboden, den Strahler noch fest in der Hand und ratterte, auf dem Steißbein, die Treppen hinunter, während sich einer meiner Füße im Geländer verhakte. Ich wurde herumgerissen, schlug mit dem Kopf gegen die Wand und hing nun mit dem Kopf nach unten im Treppengeländer. Martin war auf der obersten Treppenstufe zum Liegen gekommen ohne sich zu verletzen. Lisa rannte nach oben und ließ mich hängen, wie einen Schluck Wasser in der Kurve. Sie hob Martin auf, stellte fest, dass ihm nichts fehlte und sah nach unten, wo ich immer noch hing und versuchte mich hochzuziehen. Lisa kam wieder herunter gestürmt und half mir hoch. An meinem Hinterkopf fühlte ich ein Horn wachsen, das schon, durch das mir noch verbliebene Haar schaute und an dessen Spitze Blut herunter lief. Mein Steißbein fühlte sich an, wie eine matschige Kartoffel und mein rechtes Knie schmerzte. Die Schwiegereltern kamen angelaufen und gaben kluge Ratschläge. Die Angst vor den Verletzungen war weit nicht so groß, wie die, vor den Hausmitteln meiner Schwiegermutter. Sie wollte mir augenblicklich ein Schnitzel auf die Beule legen, gut, dass wir keines im Haus hatten. So sagte ich schnell, ist nicht so schlimm und humpelte ins Bad. Ich beugte mein Bein einige Male, während ich mit einem Stück Toilettenpapier das Blut von meiner Beule wischte. Das Bein schien nicht so schlimm zu sein. „Gott sei Dank“, dachte ich. Alles durfte ich mir verletzen, nur nicht die Beine, sonst wäre es vorbei mit Laufen. Gerade jetzt, wo ich so gut im Training war und schon gut 45 Minuten am Stück laufen konnte. Lisa kam herein und fragte, wie es mir geht. „Alles OK“, sagte ich, „nur ein bisschen Kopfschmerzen und das Steißbein tut mir weh.“ Lisa lachte erleichtert und klebte mir ein Pflaster auf die Beule. Sah sehr apart aus. Jetzt musste ich auch noch einen neuen Strahler kaufen, da der herausgerissene nicht mehr zu gebrauchen war. Trotzdem war ich froh, dass es noch mal so glimpflich ausgegangen war. Am Nachmittag erledigte ich alle Besorgungen, die noch ausstanden, montierte den neuen Strahler und die Lichterkette bekam auch noch ihren Platz. Mein Freund Harald rief an und fragte, ob ich mit ihm noch eine Runde laufen würde. Aber für heute hatte ich wirklich genug, mein Kopf brummte, mein Steißbein schmerzte, so verschoben wir den Lauf auf den nächsten Morgen. Ich schlief nicht besonders gut, da mir die Ereignisse des Tages noch in den Knochen steckte. Trotzdem wollte ich am Morgen mit Harald laufen gehen. Ich stand gegen 8:00 Uhr auf, zog meine Laufklamotten an, setzte mir eine Mütze auf - da sah man die Beule nicht – und wartete auf Harald, der mich mit dem Auto abholte. Wir fuhren ein Stück, zum örtlichen Trimm Dich Pfad, dehnten uns etwas und liefen gemütlich los. Nach wenigen Metern machte sich mein Knie bemerkbar. Erst ein leichtes Ziehen, dann ein merklicher Schmerz. Ich biss die Zähne zusammen und lief weiter. Schließlich musste ich stehen bleiben. „Was ist los fragte Harald.“ Ich erzählte ihm die Geschichte vom Vortag. Mein Knie hatte also doch etwas davontragen. So konnte ich jedenfalls nicht weiterlaufen. Insgeheim fluchte ich und konnte es nicht glauben. „Hoffentlich ist es nichts Schlimmes“, dachte ich. Ich ging langsam zum Parkplatz zurück und wartete auf Harald, der seine Runde zu Ende lief. Ich hatte ihn gebeten seine Runde zu Ende zu laufen. Es war nicht sehr kalt und so war das Warten kein Problem. Ich fummelte an meinem Knie herum, als mich eine Stimme aus meinen Gedanken riss. „Entschuldigung können Sie mir sagen, wo es zum Bahnhof geht.“ Ich blickte auf und sah eine junge Frau vor mir stehen, die mir erwartungsvoll in die Augen schaute. Sie war sehr hübsch, hatte einen engen Laufdress an und sehr weibliche Kurven. Ich glotzte sie an und gab keinen Mucks von mir. Sie grinste und wiederholte ihre Frage. Ich fasste mich. „Klar“, sagte ich, „zum Bahnhof, Moment, einfach die Straße runter, dann am Ende rechts, Nein links, dann nach…“, ich brach ab, da ich selbst den Weg nicht mehr wusste, bzw. Probleme hatte meine Gedanken zu ordnen. Ich überlegte einen Augenblick, die Frau grinste immer noch. Dann sagte ich, „mein Freund“, ich korrigierte mich, „mein Bekannter“ - nicht, dass sie denkt, ich wäre schwul – kommt gleich, wir können sie bestimmt bis zum Bahnhof mitnehmen. „Das wäre toll“, sagte die Frau und streckte mir die Hand entgegen, „ich bin Monika.“ „Hans, ich heiße Hans“, sagte ich mit belegter Stimme. „Laufen sie öfter“, fragte Monika. „Ja schon ziemlich lange“, schwindelte ich. „Ich hab’ erst vor zwei Monaten angefangen“, sagte Monika, macht mir aber sehr viel Spaß. „Woher kommen sie denn“, fragte ich. „Ich wohne in Frankfurt und besuche hier eine Freundin.“ „Leider habe ich mich ein bisschen verbummelt und komme wohl zu spät zu unserem Treffpunkt.“ „Ich habe ein Handy im Auto, sie können anrufen“, sagte ich. „Danke, sehr nett“, erwiderte Monika. „Wir müssen nur auf meinen Freu…, Bekannten warten, er hat den Schlüssel“, sagte ich. „Er ist aber gleich da.“ Sie nickte. Nach einiger Zeit kam Harald aus dem Wald gelaufen. Ich stellte die Beiden vor, erklärte was los war und wir fuhren zum Bahnhof, während Monika telefonierte. „Du benimmst dich wie ein Teenager“, dachte ich. Als wir da waren, verabschiedete sich Monika und bedankte sich nochmals. Sie verschwand im Bahnhofsgebäude. Ich sah ihr nach und Harald sagte, „was für ein Fahrgestell.“ Ich nickte. Dass ich Monika unter ganz anderen Umständen wieder sehen würde wusste ich noch nicht. Dazu aber mehr in einer anderen Episode. Harald fuhr mich nachhause. Ich erzählte Lisa von meinem Knie und wie wir Monika zum Bahnhof gefahren hatten. Lisa sagte, „das war aber sehr nett von euch“, mit einem Unterton in der Stimme, den ich nur zu gut kannte. Ich ging nicht weiter darauf ein. Ich schnappte mir das Telefonbuch und suchte nach einem Orthopäden, hatte ich bis heute nicht gebraucht. Ich fand einen Sportorthopäden, der ganz in der Nähe war. Ich rief an und erzählte meine Geschichte. Ich konnte gleich vorbeikommen. Ich duschte und beim Abtrocknen fiel mir auf, dass mein Knie dick wie eine Melone war. Lisa fuhr mich zum Arzt. Ich stellte mich vor, gab meine Versicherungskarte ab und wurde ins Wartezimmer zitiert. Nach einer Weile wurde ich in das Behandlungszimmer gerufen. Ich dachte, „das ging ja schnell, kaum 10 Minuten da und ich werde schon behandelt.“ Doch wie immer, sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben, da saß ich nun 40 Minuten, ohne einen Arzt zu sehen. Endlich kam ein ausgemergelter, dünner Bursche durch die Tür und stellte sich als Dr. Reinhard vor. Ich gab ihm die Hand und sagte, „Hurtig“ und wollte noch, was man von ihnen nicht behaupten kann, hinterherschicken, ließ es aber, um nicht gleich einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Er fragte, „was kann ich für sie tun.“ „Ich hab mir gestern das Knie verdreht“, antwortete ich. Er bat mich die Hose auszuziehen. Er rollte mit seinem Stuhl zu mir herüber und betastete mein Knie. Er brabbelte etwas wie, Gewebewasser, Knorpel- oder Bandverletzung. Schließlich blickte er zu mir auf und sagte, „das müssen wir erst einmal punktieren.“ Ich als medizinischer Laie hatte keine Ahnung was das bedeutet und nickte zustimmend. Er stand auf und bat mich in das Nebenzimmer. Dort angekommen deutete er auf meinen Kopf und sagte, „ist das auch frisch?“ Erst wusste ich nicht was er meinte und schaute nur fragend. Dann viel mir die Beule ein und erwiderte, „ja steht in direktem Zusammenhang.“ Er schmunzelte und sagte, „ziemliches Horn.“ Ich dachte nur „sehr witzig du Spargel, hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut.“ „Du könntest Werbung machen für „Brot für die Welt.““ Das ich es nicht so mit Ärzten habe merkt man mir vielleicht an, oder? Er zeigte auf eine Liege und sagte, „legen sie sich bitte auf die Liege.“ Ich legte mich hin und wartete. Er suchte ein paar Utensilien zusammen und legte sie auf ein Tablett neben die Liege. Ich sah eine monströse Spritze auf dem Tablett liegen und wurde sofort leichenblass. Spritzen waren für mich der Horror. Ich fragte mit zitternder Stimme, „was genau ist Punktieren?“ „Ich ziehe das Gewebewasser aus dem Knie“, sagte Doktor Frankenstein. Ich antwortete nicht. Mir wurde flau. Doktor Frankenstein nahm ein Desinfektionsspray und sprühte mir das Knie ein. Er nahm die Spritze in die Hand und setze eine Kanüle auf, die eher an Walfischnarkose als an normale Spritze erinnerte. Mir schwanden die Sinne. Ich legte mich zurück, um nicht völlig die Besinnung zu verlieren. Doktor Frankenstein fragte, „alles in Ordnung?“ „Nichts ist in Ordnung, du Pferdemetzger, wollte ich los schimpfen“, beließ es aber bei einem, „ja geht schon.“ „Es ist nicht sehr schmerzhaft“, sagte Frankenstein und setzte die Kanüle an mein Knie. Er stach zu und ich übergab mich auf die sauber hindrapierten Instrumente. Doktor Frankenstein rief nach der Schwester, ohne auch nur daran zu denken das Ofenrohr aus meinem Knie zu ziehen. Die Schwester kam angelaufen und sah die Bescherung (passt irgendwie zu Weihnachten). Sie holte ein paar Tücher und gab mir eines um meinen Mund abzuwischen. Die Schwester beseitigte die Reste meines Frühstücks, hielt dann meine Hand, da sie mir wohl ansah, wie es mir ging. Mir war das unendlich peinlich und ich wünschte mir wieder mal das Loch zum Versinken. Doktor Frankenstein bohrte weiter in meinem Knie, um Flüssigkeit abzupumpen. Ich wunderte mich, dass er nicht eine halb Zoll Gartenpumpe an die Kanüle anschlossen hatte, groß genug wäre sie gewesen. Als er fertig war, zog er die Pumpe aus meinem Knie und sagte, „tut mir leid Herr Hurtig, aber das musste sein.“ Die Schwester klebte mir ein Pflaster auf die Stelle und gebot mir, mich wieder anzuziehen. Ich bekam einen Termin für eine MRT (Magnetresonanztomografie). Der Doc erklärte mir, dass ein Gelenkserguss vorliegt, der von einer Knorpelverletzung, einem Meniskuseinriss, oder einer Bandverletzung herrühren kann und deshalb eine genaue Diagnose durch eine Magnetresonanztomografie nötig wäre. Ich bedankte mich brav und hätte ihm am liebsten einen seiner dürren Arme gebrochen. Ich rief Lisa an, um abgeholt zu werden. Auf der Fahrt nach Hause berichtete ich meine Leidensgeschichte. Ich sah Lisa an, wie sie sich ein paar Mal das Lachen verbeißen musste. Als ich an der Stelle angekommen war, wo ich mich übergeben musste, prustete sie los und konnte sich nicht mehr halten vor Lachen. Ich musste jetzt auch lachen und so hielten wir uns die Bäuche, bis wir angekommen waren. Die Magnetresonanztomografie am nächsten Tag ergab einen Meniskuseinriss, der aber nicht sehr schlimm war. Nach 10 Tagen war ich wieder auf der Piste. Die Verletzungen waren alle verheilt, Weihnachten vorbei und ich fieberte dem neuen Trainingsjahr entgegen.

Whatever Will Be Que Sera, Sera…

 

Bis zum nächsten mal euer Hans Hurtig

Ich lief auf meiner Standardrunde. Fünf Kilometer in gleichmäßigem Tempo konnte ich mittlerweile ohne Gehpause laufen. Der Weg war mir aus vielen Läufen vertraut. Ich bog, kurz nach dem ich das Haus verlassen hatte, ins Naturschutzgebiet ab, lief in den Wald an einem kleinen Bach vorbei, hinauf zu einer Lichtung. Ab da ging es leicht bergab, bis zu einer Pferde-Koppel. Im Wechsel der Jahreszeiten sieht die Landschaft rundweg anders aus. Jetzt im Frühjahr duftet es nach beginnendem Leben, erste Pflanzen strecken Ihre Hälse durch das tote Laub, es riecht nach frisch geschlagenem Holz. Der Boden ist weich, ideal zum Laufen. Man kann erahnen, wie das Grün die Oberhand gewinnen wird und das Leben den Tod ablösen wird. Die Luft ist wieder lau, erste Vögel zwitschern in den Bäumen, es hört sich nach Aufbruch an. Die Menschen zeigen wieder Farbe. Der Sommer trägt leben in den Wald, tausend Geräusche von Tieren, Kindern und Wanderern machen den Wald zu einem Ort der Begegnung. Jogger grüßen sich (oder auch nicht, manche können sich nicht mal ein Lächeln abringen), Mountainbiker strampeln vorbei, Hunde toben und so manches Liebespaar sitzt auf den Bänken, losgelöst von Zeit und Raum und nur in sich selbst versunken. Die Sonne wärmt die Glieder und lässt alle Mühsal vergessen, Leichtigkeit verführt zum Überschwang. Der Herbst schleicht sich leise und unbemerkt in den Wald. Blätter färben sich und komponieren ein Spiel der Farben, wie es nur zu dieser Jahreszeit zu betrachten ist. Langsam beugt sich das Leben vor dem Tod, ein letztes Aufbäumen, bevor sich der kalte Mantel des Winters über die Landschaft legt. Man sieht wie die Tiere ihre Vorräte anlegen und die Bauern ihre Ernte einfahren. Noch wärmt die Sonne meine Haut und doch spürt man die Kühle schon. Morgens zieht der Nebel wie Rauch durch den Wald und der Tau malt bizarre Gebilde ins Gras. Die letzten Schritte sind gemacht. Im Winter, Schnee vorausgesetzt, ruht der Wald ganz sanft, jedes Geräusch stört die seltene Ruhe. Nur das gleichmäßige sch, sch, sch des Laufschrittes durchbricht die Stille. Alles fühlt sich an, wie von Watte. Eis lässt den Bach zum Standbild werden. Das Leben verharrt in Regungslosigkeit, Zeit um die Gedanken wieder leiser und friedfertiger werden zu lassen. Klarheit zu fühlen, die Vergänglichkeit zu begreifen und etwas Demut zu spüren, einfach nachdenklich zu werden. „Auch das ist Laufen“, dachte ich so bei mir. Man muss ab und zu stehen bleiben, um laufen zu können. Ich zog weiter meine Runde, der Puls lag bei 140 Schlägen, der Atem war gleichmäßig und ich schwitze, weil ich mal wieder viel zu warm angezogen war. Es hatte schon 15 Grad und ich hatte meine Wintertight an, ein Termo-Unterhemd und eine mit Fleece gefütterte Laufjacke. Mütze und Handschuhe verstanden sich von selbst. Ich brauchte in der Regel um die 40 Minuten für meine Runde. Heute wollte ich es in 35 Minuten schaffen, was mir sichtlich schwer viel. Dennoch hatte ich den Ehrgeiz das durchzuhalten. Schließlich kam ich nach knapp 37 Minuten zuhause an und war zufrieden. Martin spielte im Hof und kam angelaufen, als er mich sah. „Papa du bist ja ganz verschwitzt“, bemerkte Martin. Ich lächelte und sagte, „klar ich war laufen Martin.“ Ich ging ins Haus. Lisa kam mir entgegen und rümpfte die Nase, „du riechst wie ein Ziegenbock Hans.“ „Klar ich hab geschwitzt“, sagte ich. „Ja schon, aber das ist ja ein widerlicher Geruch“, erwiderte Lisa. „Das sind die Funktionsklamotten, die riechen halt etwas strenger als Baumwolle.“ Ich verschwand schnell im Badezimmer und legte die verschwitzte Kleidung ab. Die Jacke kam an den Haken im Badezimmer, die konnte man noch mal anziehen, die Tight auch, die Unterwäsche und das Shirt kamen in die Wäsche. Hallo, ich heiße Lisa und bin die Frau von Hans und wende mich hiermit an alle leidgeplagten Ehefrauen und Mitbewohner von Läufern. Wussten sie eigentlich, dass der gemeine Läufer bei seiner Kleidung verschiedene Kategorien unterscheidet? Die da wären: Frisch, das heißt aus dem Kleiderschrank, oder nur auf einem kurzen Läufchen getragen. Ich kann ihnen sagen das mit dem kurzen Läufchen verwandelt das Laufshirt in ein hochgradig kontaminiertes Kleidungsstück, das Frau niemals mehr tragen würde. Nächste Stufe geht noch. Mit „geht noch“ bezeichnet Hans Laufklamotten, die er maximal zweimal angehabt hat, was bedeutet, dass man hier schon an Sondermüll denken müsste. Diese Stufe von Laufkleidung riecht wie ein ausgewachsener Ziegenbock während der Paarungszeit. Sie dachten das war’s, weit gefehlt, es gibt noch eine Stufe und diese ist so widerwärtig, dass es mir schon schwerfällt, nur darüber zu sprechen. Diese Stufe nennt Hans „einmal noch“ und macht vorher einen Geruchstest. Ein ausgewachsener Grizzlybär würde auf der Stelle tot umfallen. Hans verzieht nicht mal eine Miene und zieht das Teil dann an. Anschließend schmeißt er es in die Wäsche. Ich achte streng darauf, dass bei Kleidungsstücken der Kategorie „einmal noch“ nichts anderes im Wäschekorb liegt, was man dann ebenfalls entsorgen müsste. Ich trage das Zeug dann mit Nasenklammer und Gummihandschuhen in die Waschküche und stecke es unverzüglich in die Waschmaschine, um das Raumklima nicht zu gefährden. Alles nicht so schlimm denken sie. Es kommt noch besser, denn die Kleidungsstücke der Kategorien „geht noch“ und „einmal noch“ hängen an diversen Orten in unserem Haus und verbreiten das Ambiente eines Ziegenstalls. Wenn sich Besuch ankündigt, laufe ich tagelang mit Raumspray durch die Gegend, um mich nicht zu blamieren. Als das letzte Mal meine Turndamen zum Kaffee da waren, fragte mich Simone, ob unser Kater irgendwo eine tote Maus versteckt hat. Ich wurde knallrot und erwiderte, dass ich sie schon entfernt hätte, dass mit dem Geruch aber ein bisschen dauert. Liebe Läufer und die, die welche werden wollen, auch wenn ihr den Planeten durch geringeren Waschmittelverbrauch retten wollt, wascht eure Laufkleidung nach jedem Lauf, was Geruchsbelästigung genug ist. Auch in Anbetracht einer erotischen Ausstrahlung ist das dem weiblichen Geschlecht gegenüber durchaus zuträglich. Nun noch viel Spaß beim Laufen eure Lisa. Lisa kam ins Badezimmer und sah, dass ich meine Laufjacke und meine Laufhose an den Haken gehängt hatte und sagte, „ich wasch das gleich mit Hans, damit ich die Trommel voll bekomme.“ „Muss noch nicht gewaschen werden“, erwiderte ich. „Doch“ sagte Lisa energisch, schnappte sich die Kleidung und verschwand. „Sind Frauen empfindlich“, dachte ich bei mir. Hatte Lisa gerade Gummihandschuhe an? Ich verwarf den absurden Gedanken und konzentrierte mich auf meinen nächsten Trainingslauf, während ich duschte.

Euer Hans Hurtig

Es war ein Samstagmorgen im Hochsommer. Jetzt, Ende Juli ist es leicht, das Training in den Tagesablauf einzuplanen. Morgens ab 4:00 Uhr hell, am Abend bis 21:30 hell. Wunderbar dachte ich, ich kann laufen, wann ich will, vorausgesetzt Lisa und die Kinder lassen mich. Um 14:00 Uhr habe ich mit meinem sporadischen Trainingspartner Harald einen Trainingslauf von ca. 45 Min. vereinbart. Mittlerweile hatte ich gut 8 Kilo abgenommen und das Laufen viel mir immer leichter. Allerdings hatte ich für die 8 Kilo fast ein Jahr gebraucht. Ich mache also irgendetwas falsch, dachte ich. Ich wollte wieder auf mein altes Kampfgewicht von 74 Kilo kommen, was bedeutete, dass ich noch mal 16 Kilo loswerden musste und das sollte wesentlich schneller gehen. Nun gibt es ja diverse Literatur über Diäten, Gewichts- und Figur-Management, Abnehmen ohne Frust, Diät ohne Jo-Jo-Effekt, usw. Also zog ich wieder einmal los um ein Buch zu kaufen, das mir beim Abnehmen helfen sollte, da ich offensichtlich Fehler machte und trotz Lauftraining nur sehr langsam abnahm. Ich fuhr in die Stadt und ging zu dem größten Buchhändler, den es vor Ort gab. Ich betrat den Verkaufsraum und ließ den Blick über die Beschriftungen der Regale wandern. Auf einem der Regale stand Ernährung. Ich ging hinüber und begann die Titel zu studieren. Es gab zahlreiche Bücher über diverse Arten von Diäten, die Kohlehydratdiät, die Eiweißdiät, die Obstdiät, Trennkost, Rohkost, usw. Wer zum Teufel sollte sich hier zurechtfinden. Ich musste wohl so hilflos ausgesehen haben, dass sich ein Verkäufer erbarmte und fragte, „kann ich ihnen helfen.“ Ich zuckte zusammen, da ich ihn – vertieft in die Buchrücken – nicht kommen gesehen hatte. Ich zog reflexartig den Bauch ein und sagte, „ich möchte ein wenig abnehmen und suche ein gutes Buch über Sportdiät.“ Der Verkäufer blickte an mir hinunter und sagte dann, „welche Sportart betreiben Sie den?“ „Ich bin Läufer“, antwortete ich. Ich meinte einen Anflug von Grinsen, in seinem Gesicht zu erkennen. Er bemühte sich aber sachlich zu bleiben und griff ins Regal und holte drei Bücher heraus. „Diese Titel werden sehr viel gekauft“, sagte er und drückte mir eines in die Hand. „Das Buch ist von einem renommierten Ernährungswissenschaftler und befasst sich mit Sporternährung für Ausdauersportler.“ Das Wort Ausdauersportler betonte er so, als würde er keinen der Anwesenden damit in Verbindung bringen. Das zweite Buch hielt er mir unter die Nase und sagte, „dieses Buch behandelt eine spezielle Insulintrennkost und ist von Dr. Pape.“ Der Titel des Buches war, „Schlank im Schlaf“. Jetzt fühlte ich mich schon etwas gekränkt, außerdem wurde mir das Baucheinziehen langsam unangenehm. „Und das Dritte“, sagte ich und nahm es ihm aus der Hand. „Das ist die Strunzdiät, von Dr. Ulrich Strunz dem Laufpapst“, entrang er sich lustlos. Das Wort Laufpapst ließ mich aufhorchen. Ich legte augenblicklich die anderen Bücher zur Seite, sagte „danke ich komme jetzt alleine klar“, verdrückte mich in eine Leseecke und ließ den Verkäufer am Regal stehen. Ich entspannte meinen Bauch und nahm Platz. Der Verkäufer warf mir noch einen verächtlichen Blick zu und machte sich vom Acker. Ich las den Klappentext und blätterte die ersten Seiten durch. Das Buch schien nicht schlecht zu sein, vor allem, weil dieser Ulrich Strunz wohl Ahnung vom Laufen hatte, dass konnte man schon der Einleitung entnehmen. Etwas befremdend sah allerdings das Foto von Strunz aus. Man hatte den Eindruck er ist unter der Höhensonne eingeschlafen und verwendet Bleichmittel für seine Zähne. Aber was soll’s, dachte ich mir, wenn ich mit dem Buch abnehme, ist mir alles Recht. Ich zahlte das gute Stück, was mir ein weiteres hämisches Grinsen des Verkäufers einbrachte. Ich riss mich zusammen, sparte mir jeglichen Kommentar und verließ die Buchhandlung. Ich fuhr nach Hause, zog meine Laufklamotten an und kurze Zeit später klingelte Harald schon an der Tür. Ich begrüßte ihn und wir liefen ohne Worte los. Nach einer Weile erzählte ich Harald von meinem Ausflug in die Buchhandlung und dem Buch von Ulrich Strunz. Als ich den Namen erwähnte, hakte Harald sofort ein und fing an mir die Philosophie von Guru Strunz zu erläutern, der Harald wohl kein Unbekannter war. Nach etwa einer halben Stunde kannte ich die gesamte Lebensgeschichte von Herrn Strunz. Am Himmel zogen dunkle Wolken auf und ich deutete Harald umzukehren, um nicht in ein Unwetter zu geraten. Wir machten kehrt und liefen zurück. Plötzlich donnerte es und fing augenblicklich an zu schütten wie aus Eimern. Schnell suchten wir unter ein paar Bäumen Schutz und hofften auf ein schnelles Ende des Regens. Es fing an zu stürmen und die Äste über uns bogen sich bedrohlich in alle Richtungen, was uns veranlasste, unseren Unterstand zu verlassen und im strömenden Regen, mit Gegenwind nach Hause zu laufen. Nach einer Minute waren wir nass bis auf die Haut. Der Waldweg verwandelte sich in eine Schlammrutschbahn. Harald stolperte vor mir her und rang verzweifelt um Halt. Auch ich hatte Mühe mich auf dem rutschigen Untergrund auf den Beinen zu halten. Dann brach ein wahrer Albtraum los. Der Sturm nahm Orkanstärke an und es begannen Astteile, Laub und sonstiges Kleinzeug durch die Luft zu wirbeln. Es wurde stockfinster und die Sicht war gleich null. Harald lief mit gesenktem Kopf, um sich vor den herumfliegenden Dingen zu schützen und übersah einen Ast, der wohl kurz vorher abgebrochen war und nun quer über dem Weg lag. Er schlug lang hin und aus dem Augenwinkel sah ich etwas wegfliegen. Ich packte Harald am Arm und zog ihn hoch. Er schüttelte sich und sagte, „nix passiert, mir geht’s gut.“ Er lachte mich an und da sah ich, was gerade weggeflogen war, Harald fehlte ein Schneidezahn. Ich deutete auf seinen Mund und sagte, „ich glaube du hast da was verloren.“ Harald steckte die Zunge durch die Lücke und machte ein entsetztes Gesicht. „Das war meine neue Krone, die habe ich erst letzte Woche eingesetzt bekommen“, sagte er und ich konnte jetzt deutlich hören, wie er lispelte. Ich musste lachen. Er sah mich böse an und begann auf dem Boden herumzukriechen, um seine Krone zu suchen. Ich half ihm, aber bei der schlechten Sicht und dem anhaltenden Sturm war es schier unmöglich, die Krone zu finden. Wir mussten ein obskures Bild abgeben haben. Zwei Typen in Laufklamotten kriechen bei strömendem Regen, Sturm und schlammbedecktem Weg auf dem Waldboden herum und gruben mit den Händen im Dreck. Doch dann passierte das Unmögliche, Harald schrie, „ich hab sie gefunden“ und hielt die Krone in der Hand. Er steckte sie in die Schlüsseltasche seiner Laufshort und wir machten uns schleunigst auf den Heimweg. Wir sahen aus wie die Ferkel. Von oben bis unten voll Dreck und nass bis auf die Haut. Glücklicherweise hatte das Unwetter etwas nachgelassen und wir gelangten ungeschoren nach Hause. Ich gab Harald ein Handtuch, damit er sich abtrocknen konnte. In der Zwischenzeit hatte es aufgehört zu regnen, Harald verabschiedete sich, ohne den Mund zu öffnen und ging. Ich duschte erst einmal und machte mich dann über mein neues Buch her. Nachdem ich die ersten Kapitel gelesen hatte, war mir klar, um was es Guru Strunz ging. Der Schwerpunkt seiner Diät lag auf Eiweiß. Mehr Eiweiß, Obst und Gemüse essen und dafür weniger tierische Fette und weniger Kohlehydrate. Klingt logisch dachte ich und wahr sofort überzeugt, dass diese Diät genau das Richtige für mich war. Ich ging in die Küche, wo Lisa stand und das Abendessen zubereitete. In der Pfanne schwammen vier Apfelkücherl (für die Nichtbayern unter Ihnen, Apfelkücherl sind Apfelscheiben, die man in einer Art Pfannkuchen-Teig wälzt und dann in Butter schwimmend bäckt). Ich sagte, „Schatz, das kann ich leider nicht essen.“ Lisa schaute mich verwundert an und erwiderte, „das ist dein Lieblingsessen, du isst sonst mindestens 15 Stück davon.“ „Tatsächlich“, sagte ich und überlegte. 15 Stück, das sind ja mindestens 1000 Kalorien. Jetzt wurde mir klar, warum ich fast ein Jahr für 8 Kilo gebraucht habe. Das musste sich ändern. „Ich bin ab heute auf Diät“, sagte ich kurz und ging zum Kühlschrank. Leider konnte ich auch hier keine adäquate Nahrung für mich finden. Lisa schüttelte nur den Kopf und grinste, was ich dadurch zu ignorieren versuchte, dass ich sagte, „ich fahr schnell rüber ins Kaufland, ich muss noch was einkaufen.“ Lisa nickte wissend und wusste, dass man einen in Enthusiasmus verfallenen Mann - Läufer - nicht von seinen Vorhaben, was auch immer diese waren, abringen kann. Das legt sich von alleine wieder, dachte sie und machte weiter mit dem Abendessen, denn die Kinder waren ganz heiß auf Apfelkücherl. Sie will mich mästen, damit ich auf andere Frauen unattraktiv wirke, dachte ich. Aber Hans, der Stählerne, ist auf dem Weg zurück zu den Wurzeln. Ich stellte mir vor, wie ich muskelbepackt, schlank, topfit und sonnengebräunt am Baggersee liege. Jedes Mal wenn ich zum Wasser gehe, höre ich die Leute flüstern, wie super ich aussehe. Die Frauen verdrehen die Augen nach mir. Ich zwinkere den Schönsten zu. Plötzlich riss mich ein lautes Hupen aus meinem Tagtraum. Ich stand an einer grünen Ampel und hatte vor lauter Träumerei vergessen loszufahren. Ich machte eine kurze Handbewegung zu meinem Hintermann und fuhr los. Ich hatte mir aus dem Buch von Guru Strunz abgeschrieben, was man für einen Fatburning-Tag alles brauchte. Viel Eiweiß in Form von magerem Fleisch, Fisch, Eiweiß (aber nur das Weiße), Buttermilch, Kefir, körnigem Frischkäse, fettarmen Joghurt, usw. Dann Obst, Gemüse, Salat und gutes Fett in Form von Olivenöl, Rapsöl, Leinsamenöl und Walnussöl. Stilles Wasser in rauen Mengen. Ich kaufte alles. Zuhause angekommen räumte ich ein Fach im Kühlschrank leer und schrieb mit White-Board-Marker „Finger weg, Hans“ darauf. Lisa und die Kinder waren gerade im Wohnzimmer, ich musste also gerade nicht mit Häme rechnen. Ich schnappte mir einen körnigen Frischkäse, schnitt mir eine Paprika in Streifen, machte ich mir einen Eisbergsalat mit zwei Teelöffel Olivenöl und fing an zu essen. Ich war glücklich. Nach dem Essen stellte ich fest, dass ich nicht nur glücklich war, sondern immer noch verdammt hungrig. Ich begann zu ahnen, was auf mich zukam. Ich schob den Gedanken weg und ging ins Wohnzimmer. Lisa und die Kinder sahen fern. Lisa fragte mich, „und, was hast du gegessen?“ Ich erläuterte Lisa meinen Speiseplan für die nächsten Monate. Lisa sagte nur, „ah ja.“ Ich ging hungrig ins Bett und wachte hungrig wieder auf. Sofort sah ich auf meiner Fatburning-Anweisung nach, was man zum Frühstück essen darf. Ich musste aber zuerst einen viertel Liter Wasser trinken und laufen gehen. Also trank ich mein Wasser und lief 40 Minuten. Danach gab es zwei Eier, aber nur das Eiweiß und einen fettarmen Joghurt. Nach dem Duschen, 30 Minuten später gab es noch einen kleinen Obstsalat. Vormittags Gemüsestreifen, einen Apfel und Tomatensaft. Alle vier Stunden Eiweiß in Form von Frischkäse, Buttermilch, Kefir, usw. mittags wieder Gemüse, Obst und Eiweiß. Am Abend Salat und Eiweiß. So ging das einige Tage. Eines Morgens stand ich nach meinem Lauf vor dem Kühlschrank und wollte meinen fettarmen Joghurt herausholen und da war sie, die materialisierte Verführung. Im Kühlschrank stand ein Teller mit gebratenen, panierten Schnitzeln und ein Topf mit Bratkartoffeln vom Vortag. Ich stand bestimmt 5 Minuten da und starrte auf die Schnitzel. Das Wasser lief mir im Mund zusammen. Ich haderte mit meinem Schicksal. Gedanken wie, einmal sündigen geht schon und werde jetzt bloß nicht schwach, schossen mir durch den Kopf. Hätte mich jemand stehen sehen, mit diesem verklärten Blick, die Kühlschranktür in der Hand, sie hätten den Notarzt gerufen. Nach einer endlos scheinenden Zeit nahm ich den Teller und den Topf aus dem Kühlschrank, legte zwei große Schnitzel und einen riesen Haufen Bratkartoffeln auf einen Teller und stellte ihn wie in Trance in die Mikrowelle. Als der Ping ertönte, nahm ich den Teller aus der Mikrowelle und aß ihn bis auf den letzten Krümel leer, es war ein Genuss und ich war satt. Nach Tagen war ich wieder einmal satt. Dann kam der Einbruch. Ich schämte mich meiner Schwäche und wollte weitere Rückfälle auf jeden Fall vermeiden. Dass es nicht geklappt hat, könnt Ihr euch wohl denken. Den Spott, welchen ich geerntet habe, brauche ich nicht zu beschreiben. So lockerte ich nach einigen Wochen die Strenge der Diät, achtete aber weiter darauf nicht zu viel zu essen. Mittlerweile habe ich weitere drei Kilo abgenommen. Tja liebe Leute, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist einfach zu lecker ... ;-)

P.S. Bis zum nächsten Mal, euer Hans Hurtig

Die Triathlon Story

Kapitel 1

Wie alles begann

Ich saß mit meinem Trainingspartner bei einem Bier. Wir unterhielten uns angeregt über unseren Saisonabschluss, den „Lauf um den Wolfgangsee“. Diesen wunderschönen aber auch knochenharten Event hatten wir schon einige Male gemeinsam absolviert. Der Lauf ist 27 km lang und hat einen 2 Kilometer langen Anstieg, bei dem fast 300 Höhenmeter zu überwinden sind. Aber gerade das macht seinen besonderen Reiz aus. Jedes Jahr, am dritten Oktoberwochenende vesammeln sich über 3500 Läufer aus vielen Nationen in St. Wolfgang um sich dieser Herausforderung zu stellen. Landschaftlich ist es einer der schönsten Wettkämpfe die ich kenne.

Da die Laufsaison für uns zu Ende war und nun die langen, kalten Wintermonate und damit auch eine Trainingspause begann, schmiedeten wir Pläne für die neue Saison. Der ein oder andere Lauf wurde ins Auge gefasst. So wollten wir abermals den Halbmarathon in Bad Füssing laufen, der Anfang Februar stattfindet. Begeisterung wollte nicht aufkommen, da es keine wirklich neuen Herausforderungen gab. Wir waren viele Marathons, Halbmarathons und Volksläufe miteinander gelaufen und die Luft war irgendwie raus.

Ich weiß nicht mehr genau wie, aber irgendwie kamen wir auf das Thema Triathlon. Mein Trainingspartner hatte vor vielen Jahren einige Triathlon-Kurzdistanzen absolviert. Wirklich Ahnung auf was wir uns da einlassen würden hatten wir nicht. Sofort waren wir aber Feuer und Flamme. Wie Sie wissen, wird so manche Idee am Kneipentisch geboren. Diese Nacht konnte ich vor Aufregung und Eifer nicht schlafen. Am nächsten Tag besorgte ich mir sofort ein Buch über Triathlon-Training von Herrmann Aschwer, ein Uhrgestein des Triathlons, was ich damals aber noch nicht wusste. Ich setzte mich in ein Café und begann zu lesen. Da ich bis Dato nur gelaufen bin machte mir speziell die erste Disziplin des Triathlons Kopfzerbrechen. Schwimmen konnte ich zwar, aber nur Brust und ich war in meinem Leben bestimmt nicht weiter als ein paar hundert Meter geschwommen. Radfahren würde ich hinbekommen, so dachte ich. Und laufen konnte ich ja nun wirklich gut. Somit musste ich erst einmal schwimmen lernen.

Ich machte mich mit meinem Trainingspartner auf ins Hallenbad um zu trainieren. Ich muss heute noch lachen, wenn daran zurückdenke. Damals war mir aber gar nicht zum Lachen, als ich die ersten 25 Meter Bahnen hinter mir hatte. Da ich nicht Kraulen konnte hab ich eine Zeit lang ein paar Schwimmer beim Kraulen beobachtet und dachte, das kann ja nicht so schwer sein. Ich stieg ins Wasser, ohne Brille und voller Feuereifer. Ich kraulte los und als ich auf der anderen Seite der 25 Meter Bahn ankam hatte ich ca. einen Liter Wasser geschluckt, konnte kaum mehr atmen und hatte einen gefühlten Puls von 180. Ja, was soll ich sagen, ich versuchte noch ein paar Bahnen und jedes Mal war es das Gleiche. Nach einer halben Stunde saß ich am Beckenrand und war total frustriert. Damit hat sich Triathlon für mich wohl erledigt dachte ich. Meinem Trainingspartner ging es etwas besser, da er ja schon kraulen konnte. Wirklich gut schwimmen konnte er aber auch nicht. Nachdem ich ein paar Tage ins Land gehen ließ, machte ich mir Gedanken wie ich kraulen lernen könnte. Also musste wieder ein Buch her. Ich schaute mir einige Bücher in der Buchhandlung an, konnte aber nicht wirklich etwas mit den Beschreibungen anfangen. Also ab ins Internet und nach Filmen gesucht. Auf einer Triathlon-Seite fand ich ein Archiv mit unzähligen Filmen zum Thema kraulen im Triathlon. Ich verschlang sie alle und verbrachte Stunden mit Technikstudien und Erklärungen zum Kraulen. Der nächste Versuch im Hallenbad war aber nicht weniger frustrierend. Theorie und Praxis sind eben zwei paar Stiefel. Jetzt war guter Rat wirklich teuer. Da ich nicht so leicht unterzukriegen bin, machte ich einfach weiter und nach dem 20ten Besuch im Hallenbad konnte ich tatsächlich vier Bahnen im 25 Meter Becken absolvieren ohne zu kollabieren. Lassen sie mich mal nachrechnen. Vier Bahnen sind sage und schreibe 100 Meter, toll, 100 Meter. Damit konnte ich nicht einmal einen Kintertriathlon absolvieren ohne ausgelacht zu werden. Ich brach meine Versuche ab und widmete mich wieder dem Lauftraining. Ich verbrachte den Rest des Winters mit laufen und Krafttraining um wenigsten fit zu bleiben und in der neuen Saison nicht komplett unter zu gehen.

Das Frühjahr kam und damit auch die ersten warmen Tage. Laufen machte wieder richtig Spaß. Im Hinterkopf hämmerte aber immer noch der Gedanke an den Triathlon und der ließ mich auch nicht mehr los. Ich wollte unbedingt einen Triathlon machen. Da ich nicht kraulen konnte musste ich eben Brustschwimmen. So meldete ich mich für einen Volkstriathlon in Kühbach, in der Nähe von Augsburg an. Die Distanzen waren 700m schwimmen, 33km Radfahren und 6 km laufen. Ich begann also für meinen ersten Triathlon zu trainieren. Ich hatte noch 3 Monate Zeit um mich in Form zu bringen. Dazu mehr im zweiten Kapitel.

 

 

Die Triathlon Story

Kapitel 2

Der erste Triathlon

 

Die Vorbereitung auf meinen ersten Triathlon war alles andere als planmäßig. Bunt gemischt fuhr ich Rad, lief und quälte mich durchs Wasser. Von Koppeltraining und triathlonspezifischen Trainingseinheiten hatte ich keine Ahnung. Na ja, die Welt gehört dem Mutigen. Nach 3 Monaten mehr oder weniger strukturiertem Training stand ich also in meinem nagelneuen Neoprenanzug - braucht man natürlich als richtiger Triathlet - an der Startlinie zum Triathlon in Kühbach bei Augsburg.

Ich war so nervös, dass mir die Knie schlotterten. 700 Meter schwimmen, wie soll ich das überstehen? Wie komme ich nach dem Schwimmen aus dem Neoprenanzug? Wo ist überhaupt mein Rad? Und so weiter, und so weiter. Im See hatten die Kühbacher, zur besseren Orientierung eine Leine gespannt und am Wendepunkt schwamm eine Boje. Am Start warteten ca. 400 Triathleten darauf sich ins Wasser zu stürzen. Alle standen am Ufer und warteten gespannt auf den Startschuss. Als er dann ertönte, war ich nicht wirklich bereit. Ich hatte die Schwimmbrille immer noch auf der Stirn. Ich rannte los und im Wasser merkte ich, dass ich die Brille nicht auf hatte. Ich holte es schnell nach und rannte weiter ins Tiefe um mich dann mit einem Hecht ins Wasser zu stürzen.

Ich hatte mir überlegt direkt an der Leine entlang zu schwimmen da das wohl die kürzeste Strecke sein würde. Bevor ich die Leine überhaupt erreichen konnte geriet ich ins totale Getümmel. Das Wasser kochte. 400 Schwimmer versuchten sich die besten Plätze zu erkämpfen, da bekommt man Hiebe mit Händen, Füßen und anderen Körperteilen. Als ich dann doch bis zur Leine vorgedrungen war, wurde ich völlig eingekeilt. Vor mir, neben mir, hinter mir, überall war der Weg versperrt. Vor mir schwamm zu meinem Erstaunen ein Teilnehmer der noch wesentlich langsamer schwamm als ich. Überholen war aber nicht möglich. So ging das eine Weile, bis mir der Kragen platzte. Ich schwamm im rechten Winkel weg von der Leine ins freie Wasser, was mir einige Flüche und Schläge einbrachte, aber endlich konnte ich schwimmen. Ich versuchte ein paar Meter Kraul zu schwimmen, dann wieder Brust und so weiter. Es kam mir endlos vor, bis ich an der Wendeboje angekommen war. Mein Puls raste und ich hatte schon jede Menge Wasser geschluckt. Der Teich in Kühbach, muss man wissen, hat die Wasserqualität einer Kartoffelsuppe. In 10 Zentimeter Wassertiefe sieht man seine Hand nicht mehr. Dementsprechend übel war mir schon. Nach 22 Minuten stieg ich aus dem Wasser. Hochgerechnet auf den IRONMAN wären das fast 2 Stunden, wie übel.

War ich froh aus dem Wasser zu sein, denn jetzt kam die Radstrecke und ich hatte auf dem Rad gut trainiert. Vorher musste ich allerdings noch mit dem Neoprenanzug kämpfen. Ich kam einfach nicht aus der Gummihaut. Bis ich bei meinem Rad ankam hatte ich wenigstens schon einen Arm aus der Pelle gezogen. Im Kampf mit dem zweiten Arm rutschte ich aus und knallte rücklings auf den Boden. Im Wettkampffieber spürt man keinen Schmerz. Ich rappelte mich wieder hoch und rannte weiter zu meinem Rad. Verpasste natürlich den richtigen Gang und drehte drei Runden durch die Reihen der Räder bis ich meines fand. Ich hockte mich auf den Boden und zerrte den Rest des Neos von meinen Füßen. Schuhe an Helm auf und ab ging es auf die Radstrecke. 33 Kilometer welliges Gelände. Ich trat an wie Jan Ulrich in seinen besten Tagen. Nach drei Kilometern brannten meine Oberschenkel so stark, dass ich kaum noch treten konnte. Ich muss langsamer machen sonst kollabiere ich, dachte ich so bei mir, als sich meine Radflasche, beim ersten Schlagloch, mit dem Isogetränk Richtung Straßengraben verabschiedete. Jetzt hatte ich auch nichts mehr zu trinken. Ich gab alles und als ich schließlich zum zweiten Wechsel kam stürzte ich fast, weil ich viel zu schnell in die Wechselzone fuhr. Ging gerade noch gut. Ich stellte mein Rad ab, wechselte die Schuhe und rannte los. In meiner Kehle brannte der Durst.

Da ich nie Koppeltraining gemacht hatte bekam ich jetzt die Quittung. Meine Bauchmuskeln waren von der Aerohaltung auf dem Rad so verkrampft, dass ich nur gebückt laufen konnte und ziemliche Schmerzen hatte. Nach einigen Kilometern wurde es besser und ich konnte mich einigermaßen aufrichten. Endlich kam ein Verpflegungsstand, an dem ich drei Becher Wasser kippte und mich prompt übergeben musste. Ich lief weiter und bekam einen Krampf im Oberschenkel. Indianer kennt keinen Schmerz, so lief ich weiter und humpelte deutlich. Am Ende der Laufstrecke war ich so platt, wie nach einem harten Marathon. Ich setzte mich ins Gras neben mein Rad und fragte mich ernsthaft ob Triathlon für mich der richtige Sport ist. Alles in allem war es eine sehr lehrreiche Erfahrung. Wenn ich wirklich weiter machen wollte, müsste ich Vieles anders machen. Aber Erfahrungen, ob positiv oder negativ sollen ja lehrreich sein. Und lehrreich war es allemal. Ja, wie ihr euch wahrscheinlich schon denken könnt, wurde es auch besser. Wie es weiterging und was ich noch alles erlebt habe in den nächsten Kapiteln.

 

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